Mein Nachbar Nosferatu

Ein Interview mit André Breinbauer ("Blutsauger")

Mein Nachbar Nosferatu
Ein Interview mit André Breinbauer ("Blutsauger")
03. Juni 2026

Statistisch gesehen bezeichnet alle 2,9 Sekunden jemand seinen Vermieter als Blutsauger. Total naheliegend eigentlich, diese Zuschreibung mal wörtlich zu nehmen und daraus – wie es André Breinbauer jetzt mit BLUTSAUGER getan hat – ein neues Genre zu basteln: den Haus-und-Grund-Vampircomic. Dem ALLESFRESSER hat er erzählt, wieviel Wien, wieviel Wahn und wieviel Wahrheit darin steckt.

ALLESFRESSER: André, dass jemand seinen Vermieter als Blutsauger bezeichnet, das kommt sicher öfter vor, aber die beiden Themen so direkt in einer Geschichte zusammenzubringen, das habe ich vorher noch nie gesehen. Wie ist diese Idee bei dir entstanden?

ANDRE BREINBAUER: Also, das fing alles an mit einer Arte-Doku, die ich mir angeschaut hatte: „Der Vampirjäger der Kaiserin“. Da ging es darum, dass zu Zeiten von Kaiserin Maria Theresia an den Rändern des damaligen Kaiserreichs, im heutigen Serbien, Geschichten über Vampirismus im Umlauf waren. Sie hat dann beschlossen, ihren Leibarzt Gerard van Swieten dort hinzuschicken, einen Naturwissenschaftler, um diesem Aberglauben ein Ende zu setzen. Seine Berichte gingen dann um die ganze Welt, und letzten Endes war er auch ein Vorbild für Dr. van Helsing in Bram Stokers Dracula. Als mir dadurch klargeworden ist, dass der Vampirmythos, wie wir ihn heute kennen, seine Wurzeln in Wien hat, habe ich Lust bekommen, eine Vampirgeschichte zu erzählen, die hier in Wien spielt.

Zur Inspiration habe ich mir dann Nosferatu angeschaut – also den alten, mit Max Schreck. Dabei ist mir dann aufgefallen, dass es in der Geschichte ein paar gravierende Unterschiede gibt zu Dracula – ganz bewusst eingebaut, um urheberrechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Bei Bram Stoker reist Jonathan Harker ja als Vertreter einer angesehenen Firma nach Transsilvanien, um Dracula eine Immobilie in London zu vermitteln. In Nosferatu ist das ganz anders – da hocken zwei Makler, Hutter und sein Chef, beieinander und reden darüber, dass ein Graf Orlok zu ihnen nach Wisborg kommen möchte, um sich da niederzulassen. Und dann schauen sie aus dem Fenster auf ein paar ziemlich abgefuckte Gebäude, lachen schelmisch und beschließen, dem verkaufen wir den Schrott da drüben. Da hat’s dann bei mir zum ersten Mal Klick gemacht: Wie wäre das denn, wenn so ein Vampir nach Wien zieht, übers Ohr gehauen wird und dann 100 oder 150 Jahre lang in einer Zinswohnung abhängt?

Dazu kam, dass Freunde von mir schon mit solchen Immobilienspekulanten zu tun hatten. Bei denen passierten dann so Sachen wie dass plötzlich der Strom weg ist oder die Heizung nicht mehr geht. Als ich die beiden Gedanken zusammengebracht habe, haben dann plötzlich die Zahnräder ineinandergegriffen: Was würde passieren, wenn das Haus, in dem dieser Vampir wohnt, von solchen Spekulanten übernommen wird?

AF: Gibt es solche Probleme tatsächlich in Wien? Mit dem Blick hier von Stuttgart aus erscheint einem Wien ja eher als Mieterparadies, mit seinem riesigen Bestand an kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungen!

AB: Das will ich auch gar nicht schlecht reden – Wien ist da sicher noch ganz gut dran, mit seinen Sozial- und Gemeindebauten; die Stadt hatte ja auch immer SPÖ-Bürgermeister. Aber auch hier gibt es das Phänomen, dass Investoren Häuser kaufen, die Mieter hinausdrängen und dann irgendwann abreißen, um Luxuswohnungen auf dem Grundstück zu bauen.  Oder sie lassen die Häuser einfach leer stehen, um die Wohnungen zu verknappen und so die Preise weiter hochzutreiben. So etwas wie eine Leerstandsabgabe wie in manchen deutschen Städten gibt es in Österreich nicht. Klar, wir sind hier noch besser dran als Hamburg oder Berlin – von München brauchen wir gar nicht zu reden. Wir haben noch unsere Arbeiterviertel mit den Sozialwohnungen oder den alten Mietverträgen, die man weitergeben kann, aber den ersten bis neunten Bezirk, das kannst du vergessen! Das sind teure Pflaster; wenn da was leer wird, wird es renoviert und teuer verkauft. Und das macht mich dann doch traurig, wenn ich sehe, dass Leute, die in der Pflege arbeiten oder in der Gastronomie, gar nicht in diesen Städten wohnen können und von ewig weit hinfahren müssen, um überhaupt arbeiten zu können. Ganz so weit ist es hier zum Glück noch nicht, aber die Vorboten sind da.

AF: Ich sehe schon, wir haben es beim Blutsauger gar nicht mit einem Unterhaltungscomic zu tun, sondern mit politischer Literatur! Wo du so tief im Thema Immobilienspekulation drin bist – wäre es für dich auch eine Option gewesen, einen Sachcomic zu diesem Thema zu machen?

AB: Nein, ich bin kein Sachbuchautor. Ich mag das Unterhaltsame, Erzählerische, das aber unterschwellig ernsthafte Themen mitbringt, die den Leuten bis dahin vielleicht gar nicht so präsent sind. So wie es zum Beispiel Guillermo del Toro in Pans Labyrinth gemacht hat, wo eine Geschichte um den spanischen Faschismus herumgewoben wird. Ich wollte auch unterhalten, aber im Hintergrund das Thema mit den Immobilienspekulanten reinbringen, damit die Leute es im Kopf haben, wenn es ihnen das nächste Mal in der Wirklichkeit begegnet – und vielleicht jemand bei ihnen den Strom abdreht.

Und außerdem wollte ich ja machen, was ich auch als schon bei Medusa und Perseus versucht habe: ein Monster ein bisschen zurechtzurücken. Nicht so, dass es ganz anders ist als man erwartet, aber dass man vielleicht trotzdem mit ihm klarkommen kann. Ist halt ein Blutsauger, mein Gott, was soll man machen!

AF: Ja, Vampire sind auch nur Menschen… Aber auch wenn du eine ganz eigenständige Interpretation des Blutsaugers gefunden hast, bewegst du dich ja in der langen Tradition der Vampirerzählung. Mich hat die Struktur des Buchs schon sehr stark an die von Dracula erinnert, der ja eine Art Briefroman war. Dass bei dir die SMS, die deine Hauptfigur Hannah mit ihrem Freund Markus austauscht, sehr präsent im Comic auftauchen, ist sicher kein Zufall.

AB: Nein, die Struktur von Dracula hat mich tatsächlich sehr interessiert – mit den ganzen Briefen und Logbüchern und sogar Tonaufzeichnungen auf Metallröhren; einer ganz erstaunlichen Technik, die es damals gab. So etwas Verschachteltes wollte ich auch machen mit den Chats und der Radiosendung, die immer wieder zu hören ist.

AF: Andere Inspirationen gab es aber sicher auch – die Traumsequenz erinnert mich zum Beispiel ziemlich an Motive des italienischen Giallo.

AB: Ja, die hatte ich schon auch im Kopf – nicht nur bei der Traumsequenz, sondern schon bei der Szene vorher, als man die Wohnung mit den vielen Bildern an der Wand sieht und das eine unbehagliche Atmosphäre auslöst. Das ist ein ziemlich direkter Verweis auf Profondo Rosso. Oder natürlich ganz generell die surrealen Farben, die dann im Dunklen verschwinden. Dann haben mich aber auch die expressionistischen Filme inspiriert, wie Das Cabinet des Dr. Caligari. Und natürlich am allermeisten, wie schon gesagt, der Ur-Nosferatu. Von dem habe ich mir übrigens auch abgeschaut, dass mein Vampir nicht spricht – weil es halt ein Stummfilm ist. Aber das macht ihn umso grusliger – dass man keine Stimme mit ihm verbindet. Ganz im Gegenteil zu Kinski in der späteren Verfilmung. Seinen Nosferatu schätze ich ja auch sehr – aber ehrlich gesagt ist er ein ganz schönes Plappermäulchen!

Was sich hier (hoffentlich) liest wie ein halbwegs stringentes Interview, ist in Wirklichkeit die stark geraffte Zusammenschrift eines mehrstündigen Nerd-Palavers, in dem es außerdem noch um viele andere wichtige Themen ging wie Demenz im Horrorfilm, pummelige Elfen und Katzen in Raumschiffen. Vielen Dank dafür, André!

Wer den BLUTSAUGER und seinen Schöpfer jetzt näher kennenlernen möchte, hat dazu beim morgen beginnenden Comic-Salon Erlangen gleich mehrere Gelegenheiten, z.B. im Rahmen von Signierstunden am Carlsen-Stand oder bei einer Lesung gleich am Eröffnungstag, 4.6.2025, um 21:00 Uhr im Markgrafenfoyer.

Blutsauger
André Breinbauer
 / Carlsen Comics
Hardcover
, 248 Seiten, 28 €

Alle Abbildungen © André Breinbauer  / Carlsen Comics