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Verpfändet ist verpfändet

Wytches

Im zweiten Teil unserer Serie zur Walpurgisnacht stellen wir einen Comic vor, dessen unheimliche Bedrohung nur wenig mit dem klassischen Bild der buckligen Hexe zu tun hat. Aber der wahre Schrecken liegt hier ohnehin nicht draußen im dunklen Wald, sondern viel, viel näher.

Erwachsen werden ist schon unter normalen Umständen eine verstörende Erfahrung. Wenn der eigene Dad Comiczeichner ist, die Mutter im Rollstuhl sitzt und dann auch noch Gerüchte im Umlauf sind, die einen mit dem Tod einer Mitschülerin in Verbindung bringen, kann man sich auch gleich „Außenseiterin“ auf die Stirn tätowieren. Sailor Rook hat wahrlich keinen guten Start am neuen Zuhause ihrer Familie.

Aber bald schon sind diese Alltagsprobleme Sailors geringste Sorge, denn da draußen im Wald hinter dem Haus lauert noch etwas Anderes, etwas wirklich Boshaftes, etwas, für das es keinen menschlichen Begriff gibt, und das der Autor Scott Snyder (u.A. American Vampire, Batman, The Wake) daher in Anlehnung an finstere Hexerei „Wytches“ getauft hat. Der wahre Horror entsteht dabei durch eine heimtückische Prämisse, die das namenlose Grauen ganz eng verwebt mit dem Vertrauten: denn wer oder was „Wytches“ auch immer sein mögen, sie verleihen ihre Macht bereitwillig weiter. Aber all das kostet einen Preis: Wer die Unterstützung der Wytches haben will, der muss auch etwas geben und wird so früher oder später zum Mittäter der bösen Brut – verpfändet ist verpfändet!

Zeichner Mark „Jock“ Simpson (u.A. Batman, The Losers) und Kolorist Matt Hollingsworth (u.A. Preacher, Hellboy, Daredevil, Hawkeye) fassen diesen Alptraum in Bilder, die durch surrealistisch überlagerte Farbeffekte einen verstörenden Effekt erzielen. Sie kommen dabei in dem großformatigen deutschen Sammelband noch besser zur Geltung als im amerikanischen Original. Entstanden ist dabei ein gruseliges Werk, das mit seinen Bildern Maßstäbe setzt.

Wenn man denn überhaupt etwas bemängeln möchte, dann allenfalls, dass ein namenloses Grauen nur so lange funktioniert, bis es schließlich aus dem Schatten tritt und der Leser es zu Gesicht bekommt. Eine Erfahrung also, die Kennern des Horror-Genres bereits aus unzähligen Filmen, Büchern und anderen Comics bekannt sein dürfte. Allerdings kann „Wytches“ auch dann noch mit einigen gut durchdachten Wendungen aufwarten, die die Spannung permanent hoch halten.

Insgesamt also ein absolut empfehlenswertes Gesamtkunstwerk für die hartgesottenen Horror-Fans unter uns. Alle anderen sollten es bevorzugt bei Tageslicht lesen – und am besten nicht kurz vor dem nächsten Waldspaziergang…

Wertung: vier von fünf Hühnerfüßen

Wytches
Scott Snyder, Jock, Matt Hollingsworth / Splitter Verlag
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten, €24,80

Abbildungen: © Splitter Verlag / Image