Zeitmaschine

1986

Ungeduldig warten Fans weltweit auf die dritte Staffel der Netflix-Serie STRANGER THINGS. Wer auch in der Zwischenzeit nicht auf die Mischung aus 80er-Jahre-Nostalgie, Rollenspieler-Nerdtum und sanftem Grusel verzichten möchte, die die Reihe zum Überraschungserfolg gemacht hat, für den hat der ALLESFRESSER einen passenden Comictipp. Und nein, es geht nicht um PAPER GIRLS.

Mitte der achtziger Jahre im Hobbykeller eines Einfamilienhauses: Vier Jungen sitzen um einen Tisch und folgen gespannt der Handlung eines klassischen Pen-and-Paper-Rollenspiels, komplett versunken in einer fantastischen Welt. Würfel werden gerollt, Monster bekämpft und schließlich zu fortgeschrittener Stunde der Obergegner besiegt. Als sie sich auf ihre Räder schwingen und den Heimweg antreten, ahnen die Jungs nicht, dass einem von ihnen gleich eine grauenhafte Begegnung bevorsteht.

Klarer Blick auf das Geheimnisvolle im Alltäglichen_Beispielseite aus dem besprochenen Heft

Klingt bekannt? Schon – nur dass die Protagonisten hier nicht Dustin, Will, Mike und Luke heißen. Und dass die Handlung sich nicht in Hawkins, Indiana, abspielt, sondern in einer namenlosen finnischen Kleinstadt.
Mika Lietzéns Comic 1986, aus dem die beschriebene Szene stammt, ist aber beileibe kein Versuch, auf der Erfolgswelle zu surfen. Er ist vielmehr schon 2014 erschienen – lange bevor die erste Klappe für STRANGER THINGS fiel.

Viel mehr als die Ausgangssituation haben Comic und Serie dann aber auch gar nicht gemein. Während STRANGER THINGS schnell ins Reich des Fantastischen abdriftet, bleibt 1986 ein realistischer, manchmal wehmütiger Blick zurück auf eine Jugend in den achtziger Jahren. Auf nur 32 Seiten gelingt es Lietzén, mit seiner sensiblen Erzählung eine Zeit wieder aufleben zu lassen, in der das Leben aus Heavy Metal, Actionfilmen auf VHS und endlosen Spielrunden mit den Freunden bestand und in der die kleinstädtische Enge dadurch erträglich wird, dass alles möglich erscheint.

Ausstellung mit Seiten aus dem Werk und weiteren Reliquien beim Internationalen Comic-Salon Erlangen 2014

Die Detailtreue, mit der er sein Panorama entfaltet – vom obligatorischen Iron Maiden-T-Shirt bis zu der Vehemenz, mit der darüber diskutiert wird, ob Dungeons & Dragons oder Call of Cthulhu das bessere Rollenspiel ist – lässt vermuten, dass der 1974 geborene Lietzén hier großzügig aus seinem eigenen Erfahrungsschatz schöpft. Und so bringt er bei allen Zeitgenossen, die selbst eine ähnliche Jugend durchlebt haben, die eine oder andere Saite zum Schwingen.

Der Comic macht es sich aber nicht so einfach, ausschließlich auf diese wohlig-nostalgische Wirkung zu setzen. Ganz nebenbei diskutiert er zugleich Fragen des menschlichen Zusammenlebens, unterschiedlicher Lebensentwürfe und Schicksale, was ihn zu einer bereichernden Lektüre macht. Auch für alle, die kein Maiden-T-Shirt im Schrank hängen haben.

1986
Mika Lietzén / Asema Kustannus
32 Seiten, 8 €

Alle Zeichnungen: © Mika Lietzén / Asema Kustannus
Ausstellungsfoto: © ALLESFRESSER