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Von inneren und äußeren Dämonen

Kill Or Be Killed
Wer sich für intelligent erzählte Hochspannungskrimis interessiert, kommt an Ed Brubaker und Sean Phillips nicht vorbei. Mit der legendären Serie Criminal haben die beiden das Genre des Noir-Comics auf höchstem Niveau neu definiert, in Sleeper oder Fatale durch die Kreuzung mit Superhelden- und Horrorcomic um faszinierende Facetten bereichert. In ihrer neuen Reihe Kill Or Be Killed wagen sie sich nun auf das verminte Gelände des Selbstjustiz-Thrillers und stellen einige unbequeme moralische Fragen.

Einsam, vom Leben enttäuscht, und die heimliche Liebe ist mit dem eigenen Mitbewohner zusammen: Der 28-jährige Dylan erträgt sein Dasein nicht mehr und springt in einer kalten Winternacht vom Dach eines sechsgeschossigen Hauses. Durch äußerst unwahrscheinliche Umstände überlebt er den Sturz – nur um kurz darauf Besuch von einem furchteinflößenden Dämon zu erhalten, der ihm klarmacht, dass eine solche zweite Chance ihren Preis hat. Er verlangt von Dylan, jeden Monat einen Menschen zu töten – und zwar einen, der es verdient hat zu sterben. Nach heftigem Ringen mit sich selbst lässt sich Dylan auf den faustischen Pakt ein. Von nun an ist sein Leben dominiert von der Suche nach geeigneten Opfern und der Umsetzung seines gewalttätigen Kreuzzugs.

Die Darstellung von Selbstjustiz in Film oder Literatur ist eine sensible Angelegenheit. Etliche klassische Vertreter des Genres wie etwa die Death Wish-Filme mit Charles Bronson sind praktisch ungenießbar, weil sie sich unreflektiert daran berauschen, wie ihre Protagonisten das Recht in die eigenen blutigen Hände nehmen.
Eine derart eindimensionale Betrachtung ist bei einem Autor wie Brubaker nicht zu befürchten. Zwar zeigt er durchaus, welchen dunklen Reiz seine neue Rolle als Herr über Leben und Tod auf Dylan ausübt und wie er im konstanten Adrenalinrausch an Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit gewinnt. Gleichzeitig stößt Dylans zwanghafte Suche nach immer neuen Opfern den Leser aber auch auf die zentrale Frage: Welche Schuld muss ein Mensch auf sich geladen haben, um den Tod zu verdienen? Und wer darf sich das Recht herausnehmen, darüber zu entscheiden?

Der Schlaf der Vernunft, Brubaker / Phillips-Style? _Aus: Kill Or Be Killed, Heft 6

Die Einführung des Dämons als treibende Kraft hinter Dylans Handlungen mag innerhalb des ansonsten sehr realistisch dargestellten Handlungsrahmens befremden; sie erweist sich aber als wirkungsvoller erzählerischer Kniff: Indem seine Taten auf einen äußeren Zwang zurückgeführt werden, bleibt Dylan dem Leser als Identifikationsfigur erhalten. So wird man unwillkürlich zu dessen Komplizen und macht sich seine Gedankenwelt zueigen.
Eine gewisse Vorsicht ist allerdings angebracht: Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Ich-Erzähler bei Brubaker als nicht besonders zuverlässig erweist. Und so wecken subtil eingestreute Hinweise einen leisen Verdacht: ist der Dämon vielleicht doch nur eine Wahnvorstellung, mit der Dylan seine Taten sich selbst gegenüber rechtfertigt? Wie virtuos diese Frage in der Schwebe gehalten wird, wie man beginnt, Dylan zu misstrauen und ihm doch immer wieder folgt, demonstriert Brubakers Fähigkeiten als Autor und bereichert die Geschichte um eine wesentliche Ebene.

Bei allen existenziellen Fragen, die Kill Or Be Killed behandelt, ist die Reihe aber in erster Linie schlicht und einfach ein extrem spannender Thriller. Wenn Dylan sich mit dem Revolver unter der Jacke auf seine Opfer zubewegt, überträgt sich seine Anspannung derart direkt auf den Leser, dass auch dieser seinen Teil an der Adrenalinausschüttung abbekommt. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch ein stilistisches Mittel, das in dieser Form nur im Comic möglich ist: Phillips’ Zeichnungen, die mit ihrer filmischen Erzählweise die äußere Handlung vorantreiben, stellt Brubaker Dylans innere Monologe zur Seite, mit denen er die Geschehnisse aus der Distanz kommentiert und Einblicke in sein Seelenleben gibt. Abgerundet wird das stimmige Gesamtbild durch die matten und düsteren Farben, mit denen Koloristin Elizabeth Breitweiser die Zeichnungen veredelt.

Spannungsaufbau für Fortgeschrittene _Aus: Kill Or Be Killed, Heft 1

Selbstverständlich befolgt auch Kill Or Be Killed das Grundgesetz des Noir-Genres, das Brubaker in seinen Werken bereits ausführlich durchdekliniert hat: Alles wird furchtbar schief gehen. Mit jeder von Dylans Taten steigen die Verwicklungen, und während die Nervosität in der Stadt steigt und langsam eine aufmerksame Polizistin seine Spuren aufnimmt, droht ihm von anderer Seite eine noch weit größere Gefahr: die Russenmafia hat jedenfalls keinerlei Verständnis dafür, dass ihnen ein maskierter Unbekannter in die Suppe spuckt.

Auf seinen Leserbriefseiten hat Ed Brubaker bestätigt, dass er schon weiß, wie die Geschichte enden wird und in groben Zügen auch, wie der Weg dorthin aussehen soll. Wie lange die Reise aber dauert und was unterwegs passieren wird, steht noch nicht fest. Im Gegensatz zu den früheren Werken der beiden, die von vornherein als abgeschlossene Geschichten konzipiert waren, ist Kill Or Be Killed ganz bewusst als Hommage an klassische fortlaufende Heftchengeschichten angelegt, einschließlich Cliffhanger am Ende jedes Kapitels. Als Leser ist man hin- und hergerissen: einerseits möchte man dringend wissen, wie die Geschichte ausgeht, andererseits hofft man darauf, noch möglichst lange mit Dylan durch die nächtlichen Straßen von New York streifen zu dürfen. Nicht das Schlechteste, was man über einen Fortsetzungscomic sagen kann.

Kill Or Be Killed
Ed Brubaker, Sean Phillips, Elizabeth Breitweiser / Splitter Verlag
Buch 1
Gebundene Ausgabe, 128 Seiten, €19,80

Originalausgabe bei Image Comics,
bisher 14 Hefte à $3,99 / 3 Sammelbände à $9,99 / 16,99

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Abbildungen: © Image Comics / Splitter