Gedanken über Comics,
grafische Literatur
und den ganzen Rest

Sally‘s Girls

Original und Fälschung (1)

Nach 40.000 Jahren menschlichen Kulturschaffens gibt es bekanntlich nichts wirklich Neues mehr zu erfinden. Bestenfalls können wir das Altbekannte neu abmischen, verrühren und kräftig nachwürzen, so dass es unseren elaborierten heutigen Geschmack trifft.
Ganz besonders gilt das für die Comics, die wir in unserer neuen Reihe „Original und Fälschung“ vorstellen. Gleich im ersten Teil entlarvt der ALLESFRESSER, dass einer der meistgefeierten Comics der letzten Jahre nur das freche Plagiat eines alten Klassikers ist.

Da streift man am Gratis-Comic-Tag arglos durch die Hallen der Esslinger Sammlerecke, blättert ohne allzu große Erwartungen durch die ausliegenden Mappen mit Originalzeichnungen – und erstarrt plötzlich angesichts einer sensationellen Entdeckung. Zwischen Hansrudi-Wäscher-Originalen und den Portraitzeichnungen längst vergessener italienischer Schauspielerinnen finden sich da die leicht angegilbten Seiten eines Mädchencomics aus den Neunzigerjahren. Und mitten drauf, dynamisch und entschlossenen Blicks, vier wohlbekannte Mädchen auf ihren Fahrrädern: ganz unverkennbar Erin, Mac, KJ und Tiffany – die PAPER GIRLS! Und das Jahrzehnte bevor Brian K. Vaughn und Cliff Chiang sie zu Protagonistinnen ihrer vielfach ausgezeichneten, gleichnamigen Comicreihe machten. Wenn das mal kein Skandal ist!

Das Original; von links: Mac, Tiffany, Erin, KJ

Zum Vergleich: das unverfrorene Plagiat

Gut, in der weiteren Handlungsentwicklung zeigen sich dann gewisse Unterschiede. In dem Ur-Comic  (der Beschriftung zufolge eine Geschichte aus dem auch seinerzeit eher obskuren „Sally“-Magazin) finden sich weder Zeitreisende noch Dimensionszwirbler und auch keine Apple-Geräte, die direkt die Hirnwellen anzapfen, aber es wäre kleingeistig, auf solchen Details herumzureiten. Ganz zweifellos haben die zu Unrecht vergessenen „Sally“-Schöpfer einen moralischen Anspruch darauf, ihren Anteil an den ganzen Eisner-Awards zu bekommen – und natürlich an den Erlösen der demnächst auf Amazon Prime startenden PAPER GIRLS-Fernsehserie. Mit einem guten Medienanwalt sollte da was drin sein!

Die vollständige Seite in all ihrer Pracht

Die PAPER GIRLS sind auf Deutsch bei Cross Cult erschienen,
6 Bände, gebunden, je 22 €.

Die gezeigten „Sally“-Originalseiten gibt es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch bei der Sammlerecke Esslingen käuflich zu erwerben, aber angesichts ihrer hier aufgezeigten comichistorischen Bedeutung bestimmt nicht mehr lange – oder nur noch zu astronomischen Preisen.

Abbildung Paper Girls: © Image Comics / Cross Cult