„Man muss die Straße riechen können!“

Ein Gespräch mit Bruno Redondo

„Man muss die Straße riechen können!“
Ein Gespräch mit Bruno Redondo
25. Oktober 2026

Spätestens seit seinem vielfach ausgezeichneten Nightwing-Run zählt Bruno Redondo zu den großen Stars der Superheldencomics. Sowohl bei Leserinnen und Lesern als auch bei der Kritik fand die Reihe enormen Anklang – weil sie nicht nur beste Unterhaltung bot, sondern auch versiert und mit viel Freude mit den Regeln des Mediums spielte. Insbesondere wie Figuren sich im Raum und zugleich über die Seiten bewegen, wurde zu einem ganz eigenen Thema, das Redondo und sein Autor Tom Taylor über viele Hefte hinweg durchdeklinierten. Dass das alles trotzdem nicht zu einem faden Seminar in Comictheorie wurde, sondern handfeste, gut geerdete Action-Unterhaltung bleibt, dafür sorgen nicht zuletzt Redondos Darstellungen der Metropole Blüdhaven. Von kristallin in der Abendsonne schimmernden Skylines bis zu schmuddeligen Hinterhöfen wird die archetypische amerikanische Metropole hier so lebensnah porträtiert, dass man gar nicht anders kann als sich ganz und gar hineinsaugen zu lassen. Wie er das macht, an welchen Vorbildern er sich orientiert und was er nun wirklich gar nicht zeichnen möchte, das hat Bruno Redondo dem ALLESFRESSER in einem exklusiven Interview verraten.

Bruno Redondo bei der Fantasy Basel 2026

ALLESFRESSER: Bruno, wir möchten heute vor allem über die Darstellung der Stadt und von Architektur im Comic sprechen – aber bevor wir dazu kommen, muss ich dir die klassische Einstiegsfrage stellen: wie bist du eigentlich zum Comiczeichner geworden?

Bruno Redondo: Ach, das ist die gleiche alte Geschichte wie bei uns allen: Ich war eines von diesen seltsamen Kindern, die Spaß daran haben, allein daheim zu sitzen, Unmengen von Comics zu lesen – und auch welche zu zeichnen. Damals habe ich angefangen zu zeichnen und einfach nie wieder damit aufgehört. Das ist alles.

A: Welche Comicserien hast du als Kind am liebsten gelesen? Welche Charaktere haben dich begeistert?

BR: Als Kind habe ich vor allem spanische Funnies gelesen. Als ich dann zum ersten Mal Wolverine-Comics in die Hände bekommen habe und welche mit den New Titans, hat das meine Chemie grundlegend verändert. Von da an habe ich genau nach solchen Stories gesucht. Der Comic, bei dem ich mir dann gesagt habe: „Wow, genau sowas will ich selbst machen“ – das war der Incredible Hulk von Peter David und Gary Frank. Dieser Comic war etwas ganz Besonderes, weil er zwar auch ein Superheldencomic war, monumental und Larger than Life, aber dabei vor allem auch sehr menschlich. Die Charaktere waren sehr nachvollziehbar, das Drama immer auch von Humor durchzogen. Diese Art von Comics wollte ich machen: mit menschlichen Superhelden; mit Charakteren, mit denen man sich identifizieren kann.

Immer nah dran am Leben: Die Helden als Menschen.

A: Und jetzt bist du genau da angekommen und machst solche Comics. Hast du dich darauf mit einer klassischen künstlerischen Ausbildung vorbereitet oder bist du Autodidakt?

BR: Das meiste habe ich mir selbst beigebracht. Ich stamme aus einem kleinen Ort mitten in La Mancha in Spanien; den kannst du dir vorstellen wie Hobbingen im Auenland. Dort gibt es keine Gelegenheiten für eine formale künstlerische Ausbildung. Als ich etwas älter war, bin ich nach Barcelona gezogen, wo ich sechs Jahre lang gelebt habe. Dort konnte ich Kontakte zu sehr vielen professionellen Künstlern knüpfen und von ihnen lernen – nicht nur, was das Zeichenhandwerk angeht, sondern auch, wie man Kontakt zur Industrie herstellen kann und einen Fuß in die Tür bekommt. Und als ich mich dann auf diesem Weg etabliert hatte, hat mich der Ruf der Heimat ereilt und ich bin wieder zurückgezogen. Im Grunde bin ich nämlich jemand, der seine Routinen braucht und keine Aufregung im Leben…

A: Erstaunlich zu hören, dass du dir das alles selbst angeeignet hast, denn aus meiner Sicht sind es gerade die technischen Aspekte des Zeichnens wie Anatomie, Perspektive und so weiter, in denen du eine große Perfektion zeigst.

BR: Vielen Dank, das ehrt mich. Tatsächlich habe ich das alles gelernt, indem ich die Comics, die ich schätze, genau studiert habe. Um richtig gute Comics zu machen, reicht das allein aus meiner Sicht nicht aber nicht aus; da muss man schon auch ein paar Einflüsse von außen mit in die Mischung rühren. Deshalb beschäftige ich mich auch viel mit Filmen, mit Videospielen, mit klassischen Künstlern, und versuche, von ihnen zu lernen. Ich sammle Artbooks von Illustratoren, von Plakatkünstlern aus verschiedenen Epochen. Ganz generell versuche ich, so aufgeschlossen wie nur möglich gegenüber allen Einflüssen zu bleiben, um von möglichst vielen Kunstformen zu lernen.

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A: Das bringt uns nun ganz direkt zum Zentrum dieses Interviews, nämlich zur Frage, welche Rolle Architektur und die Darstellung von Architektur in deinen Comics spielen. Wo liegen da deine Einflüsse und wie nutzt du Architektur für deine Erzählungen?

BR: Das kam tatsächlich erst nach und nach. Als junger Künstler habe ich es – genau wie jeder junge Künstler – gehasst, Hintergründe zu zeichnen! Ich fand das unglaublich langweilig. Aber offensichtlich habe ich mich getäuscht. Mit der Zeit habe ich erkannt, wie die Künstler, die ich sehr schätze, mit ihren Hintergründen gearbeitet haben. Zum Beispiel John Romita Jr in Daredevil, zusammen mit Al Williamson. Er hat mir New York City nähergebracht als jeder Kinofilm oder jedes andere Medium. Weil er dort lebte, konnte er uns das wahrhaftige New York zeigen – mit den Feuerleitern, dem Dreck in den Straßen. Man konnte die Straße fast riechen! Da wurde mir klar: So muss man es machen; so kann die Stadt selbst zu einem eigenständigen Charakter im Comic werden. Noch häufiger charakterisieren die Hintergründe aber die handelnde Figur. Wenn wir zum Beispiel Nightwing in seinem Apartment besuchen und die Dekoration dort sehen (beziehungsweise den Mangel an jeglicher Dekoration), dann zeigt das, welche Entscheidungen er für sein Leben getroffen hat – mehr noch als etwa seine Kleidung. Als ich das erkannt habe, war Architektur plötzlich etwas, mit dem ich mich eingehender beschäftigen wollte. Also konzentrierte ich mich intensiv darauf, und in der Zeit legte ich mir auch jede Menge Architekturbücher zu. Mit diesem Hintergrund und einer passenden Recherche kann ich seither realistische Räume und Gebäude zeigen und keine leeren Schachteln mehr.

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A: Die Arbeit mit Details, die du ansprichst, funktioniert ja in deinen Comics sehr gut. Auch bei Nightwing sind es häufig die Feuerleitern, die Klimaanlagen an den Fassaden und die Wassertanks auf den Dächern, die uns ein Gefühl für die Stadt geben. Erarbeitest du diese Kulissen aus der Erinnerung und aus eigenen Vorstellungen, oder verwendest du dafür Fotoreferenzen?

BR: Ich verwende so viele Referenzen wie möglich. Wann immer es geht, orientiere ich mich an der Realität. Ich arbeite aber auch viel mit digitalen 3-D Modellen, die ich zusammen mit einem Freund konstruiere. Und ich orientiere mich viel an Videospielen, weil die gerade bei der Inszenierung von Hintergründen wirklich gute Arbeit machen.

A: Für welche Szenerien nutzt du 3-D Modelle?

BR: Besonders häufig mache ich das bei Schauplätzen, von denen ich weiß, dass sie im Comic öfter vorkommen werden. Dann lohnt sich der Aufwand. Besonders wichtig ist es dann aber, die Ergebnisse dieser 3-D Darstellungen in das gesamtkünstlerische Konzept, in den visuellen Eindruck des Comics zu integrieren. Die Schauplätze müssen am Ende in ihrer Visualisierung genauso lebendig wirken wie die Charaktere. Ohne zusätzliche Bearbeitung wirken die direkt aus den Modellen generierten Darstellungen tot. Sie haben keine Struktur, kein Leben, keine Spuren von Alterung und Abnutzung.

Grundriss und Schnitt: Unkonventionelle Blickwinkel durch klassische Architekturdarstellung

A: Das heißt, du lässt dir Perspektiven aus dem 3-D Modell ausgeben und zeichnest dann drüber?

BR: Ja genau, ich überarbeite sie. Genauso mache ich es auch mit Fotoreferenzen. Häufig setze ich unterschiedliche Referenzen innerhalb eines Bilds zu einem Schauplatz zusammen und zeichne dann drüber.
Am Anfang steht ohnehin immer die Skizze. In der Skizze wird die Komposition geklärt, aus einfachen Volumina, Licht und Schatten. Erst wenn diese Idee steht, suche ich nach passenden Referenzen, die die Energie der Skizze einfangen.

A: Die meisten deiner Comics spielen ja tatsächlich in New York – oder genauer gesagt in seinen fiktionalen Entsprechungen Gotham oder Blüdhaven. Gibt es einen anderen realen Ort, in dem du gerne mal einen Comic spielen lassen würdest?

BR: Weil sich die meisten Schauplätze meiner Superheldencomics auf New York beziehen, habe ich mich ausgiebig mit unterschiedlichsten Vierteln der Stadt beschäftigt – mit ihren Stimmungen, ihren Oberflächen, ihren Accessoires. Damit kenne ich mich aus, da fühle ich mich zeichnerisch sehr wohl. Was ich wirklich nicht gerne zeichnen würde, das sind die europäischen Städte mit ihren unglaublich vielfältigen, unterschiedlichen Details. Ich glaube, das würde mich umbringen.

A: Zum Beispiel Barcelona?

BR: Ach nein, Barcelona ist ziemlich geradlinig. Ich meinte eher die Kleinstädte, in denen jedes Haus anders aussieht als das andere, mit unterschiedlichen Dachformen und Fenstern und Zierelementen. Kürzlich durfte ich ein Batwoman-Cover gestalten, das genau mit solchen Motiven arbeitet, und das war echt anstrengend. Aber musste halt sein – Arbeit ist Arbeit!

Wer das Glück hat, Bruno Redondo auf einer Convention zu treffen, kann sich eine seiner wunderbaren Zeichnungen im Original zulegen – vorausgesetzt, man hat den Geldbeutel nicht zuhause vergessen.

A: Seit deinen Anfängen in der Comicbranche, über die wir gesprochen haben, hast du eine großartige Karriere hingelegt. Welche Ziele hast du noch für die Zukunft?

BR: Ich würde mich weiterhin gerne mit den Charakteren von DC Comics beschäftigen, sie aber in ungewohnter Weise darstellen. Mein Ziel ist es, etwas Zeitloses zu schaffen – etwas, das man nicht nur heute zur schnellen Unterhaltung konsumiert, sondern das man auch in 15 oder 20 Jahren noch lesen kann. Natürlich würde ich gerne noch ein paar Projekte mit meinen Lieblingsautoren zusammen machen – da führe ich gerade auch schon ein paar Gespräche. Und ich möchte einfach weiter Spaß dran haben, Comics zu machen!

A: Das wünschen wir dir auch – ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Markus Binder auf der Fantasy Basel 2026.

Bruno Redondos Hauptwerk, den lange laufenden Nightwing-Run mit Tom Taylor, bringt der Panini-Verlag jetzt in zwei dicken Sammelbänden heraus. Der erste erscheint am 27.10.

Nightwing Deluxe Edition, Band 1
Tom Taylor, Bruno Redondo / Panini
Gebundene Ausgabe, 608 Seiten, 85 €

 

Foto von Bruno Redondo: ALLESFRESSER
Alle anderen Abbildungen © Bruno Redondo / DC Comics / Panini