Salon der 7 Schmerzen (2)

Ein Rückblick auf den 22. Internationalen Comic-Salon Erlangen

Salon der 7 Schmerzen (2)
Ein Rückblick auf den 22. Internationalen Comic-Salon Erlangen
08. Juli 2026

Im zweiten Teil unserer Erlangen-Reportage geht es um schmerzhafte Autorengespräche, qualvolle Preisverleihungen,  peinigende Ausstellungsbesuche – und die Frage, warum das alles eigentlich trotzdem so viel Spaß macht.

Tag 2: Der dritte der 7 Schmerzen

Auf eines kann man sich zu Comic-Salon-Zeiten in Erlangen verlassen: man ist ganz sicher nicht der einzige Salonbesucher im Hotel. So entspinnen sich immer schon am Frühstücksbuffet die ersten Fachsimpeleien des Tages – diesmal zum Beispiel mit Sandra und Ariane vom hörenswerten Podcast Comicklatsch. Leider leidet der Gesprächsfluss ein bisschen darunter, dass ich grundsätzlich erst nach dem zweiten Kaffee halbwegs kommunikationstauglich bin – und heute noch dazu leicht angespannt: immerhin stehen an diesem Tag gleich zwei offizielle Programmpunkte an, bei denen ich selbst mitwirken darf. Wieder mal zeigt sich: wenn man erst einmal anfängt, ein Hobby halbwegs ernsthaft anzugehen, wird es anstrengend…

Als es dann soweit ist, entschädigt die positive Resonanz beim Publikum aber für alle Mühen: Wer hätte gedacht, dass das Nischenthema Architektur im Comic genügend Menschen interessiert, um den Senatssaal der Uni bis auf den letzten Platz zu füllen?  Mein Co-Vortragender Andreas Kretzer und ich freuen uns jedenfalls über das Interesse, und wir dürfen sogar noch so viele Nachfragen beantworten, dass ich fast zu spät zu meinem zweiten Auftritt komme.

Das läuft wohl unter Special Interest: Der Vortrag „Architektur im Comic“. Foto: Sven Treiber

Auf der Open Air-Bühne im Schlossgarten darf ich nämlich direkt im Anschluss beim POW!-Live-Podcast mit Andreas, Mattes und Emu über die beiden schönsten Themen der Welt diskutieren: Unter dem Titel „Comics und Heavy Metal“ bringen wir zusammen, was zusammengehört.

Angesichts des Millionenpublikums, das uns live im Internet zuhört (so stelle ich mir das jedenfalls vor), schnurzelt meine ohnehin nur halb legendäre Schlagfertigkeit spontan zusammen wie ein Luftballon zwei Tage nach dem Kindergeburtstag. In der Aufzeichnung, die man auf allen Podcast-Portalen nachhören kann, klingt das glücklicherweise nicht ganz so furchtbar, wie es sich währenddessen angefühlt hat. Dafür kann es nur eine Erklärung geben. Auch wenn Andreas es beharrlich abstreitet: bestimmt hat er bei der Nachbearbeitung eine mächtige KI über das Soundfile gejagt, die mein Stottern und Stammeln in halbwegs anhörbare Sätze verwandelt hat. Von diesen Widrigkeiten abgesehen ist es aber eine wunderbare Erfahrung, den POW!-Podcast zur Abwechslung mal nicht daheim im Sessel anzuhören, sondern fröhlich mitpalavern zu dürfen – vor allem, weil die Jungs in echt mindestens genauso sympathisch sind wie sie im Podcast rüberkommen.

Wie ich mal kurz Teil von POW! war. Foto: Sven Treiber

Dann kann die Anspannung endlich abfallen, und es beginnt der lockere Teil des Salonbesuchs. Der umfasst zum Beispiel einen Besuch der sehenswerten Christoph Niemann-Ausstellung – und natürlich die Max und Moritz-Gala, die abends auf dem Programm steht. Sie ist bekanntlich das Erlanger Äquivalent zur Oscarverleihung – vielleicht mit etwas weniger Botox und Ozempic als das kalifornische Original, dafür aber mit netteren Leuten und ganz sicher mit mehr Spaß. Das prachtvolle Markgrafentheater liefert dafür genau den richtigen Rahmen. Angesichts dessen nimmt man dann schon einmal in Kauf, dass sich der Sitzkomfort in Grenzen hält, weil der Abstand zwischen den Stuhlreihen eher knapp bemessen ist. Entweder die Menschen waren früher tatsächlich kleiner oder sie hatten ein zwischenzeitlich wegevolutioniertes zusätzliches Gelenk unterhalb des Knies. Noch bevor es überhaupt losgeht, kerbt sich jedenfalls die Rückenlehne der Vorderfrau in mein Schienbein ein und löst so einen ziemlich FIESEN KNOCHENSCHMERZ aus, der mich entfernt an meine lange zurückliegende und erschütternd erfolglose Hobbyfußballer-Karriere erinnert.

Einordnung auf der Schmerzskala: 3 von 10

Das Problem löst sich dann allerdings ganz von selbst – als eine nette Dame mir glaubhaft versichert, ich säße auf ihrem Platz. Nach kurzer Diskussion zeigt sich: sie hat recht. Als Theaterbanause hatte ich offensichtlich den Unterschied zwischen 1. Rang, Mittelseite links, Reihe 2, Platz 8 und 1. Rang, Seite links, Reihe 2, Platz 8 nicht verstanden. Ich weiche also und nehme meinen eigentlichen Platz ein – um festzustellen, dass der sehr viel besser ist: direkt neben der markgräflichen Loge, mit viel zentralerem Blick und zumindest ein paar Zentimetern mehr an Beinfreiheit. Schade finde ich den Platzwechsel trotzdem – weil er die nette Unterhaltung mit meiner bis-dahin-Nebensitzerin Nerdy Bookbird Dorinne jäh beendet.

Nicht ganz die Markgrafenloge, aber fast! Foto: ALLESFRESSER

Die Gala selbst ist so unterhaltsam, wie eine Veranstaltung eben sein kann, die vor allem daraus besteht, fünfundzwanzig (!) nominierte Comics und Künstler*innen herunterzubeten. Moderator Christian Gasser macht das Beste daraus und führt kenntnisreich und mit feinem Humor durch den Abend. Und im Gegensatz zu früheren Jahren dürften die Entscheidungen der Jury diesmal weitgehend auf Zustimmung treffen. Aber eigentlich hätten es ja sowieso alle Nominierten verdient, einen Preis mit nach Hause tragen zu dürfen – dafür, dass sie für kein bis wenig Geld ihre wertvolle Lebenszeit darin investieren, für uns die Nächte durchzuschreiben, -zeichnen, -kolorieren, -lettern und nebenher auch noch die gierigen Leser*innen über Social Media darüber auf dem Laufenden zu halten, was sie gerade machen – weil das heute halt so erwartet wird.

Spätestens wenn sich das Fest im Anschluss an die Gala nach draußen auf den Theaterplatz verlagert, gibt es aber eh keinen Unterschied mehr zwischen den Ausgezeichneten und den nicht Ausgezeichneten und trotzdem ausgezeichnet Gelaunten; es gibt Gespräche, es gibt Gelächter, es gibt Bier, und irgendwie ist es plötzlich nachts um halb drei. Hoppla.

 

Tag 3: Der vierte und der fünfte der 7 Schmerzen

Der Samstag beginnt nach viel zu kurzer Nacht mir LEICHTEN KOPFSCHMERZEN, die ganz sicher nur und ausschließlich von dem wechselhaften Wetter kommen, das uns die letzten Tage begleitet hat.

Einordnung auf der Schmerzskala: 2 von 10

Jedenfalls führen sie dazu, dass ich mich für ein eher extensives Vormittagsprogramm entscheide. Erst zum Künstlergespräch mit der lebenden Legende José Muñoz schleppe ich mich in die Orangerie. Nachdem ich kürzlich erst die augenöffnende Ausstellung seines Werks im Cartoonmuseum Basel genossen (und hier darüber berichtet) habe, darf ich das natürlich auf keinen Fall verpassen. Und es lohnt sich: was Muñoz aus seinem langen Leben zu berichten hat, insbesondere aus den langen Jahren, während derer er als Clandestino ohne Aufenthaltserlaubnis in Italien lebte, wirft noch einmal ganz neue Schlaglichter auf sein Werk. Das schönste Zitat produziert er, als er darauf angesprochen wird, wie selbstverständlich seine Zeichnungen zwischen Realismus und Abstraktion hin- und herwechseln: Die beiden seien eben wie zwei alte Genossen, die sich hin und wieder streiten – und er selbst kommt dann immer wieder dazu, wenn sie sich wieder vertragen.

Lebende Legende und lebendiger Erzähler: José Muñoz im Gespräch. Foto: Erich Malter 2026 © Internationaler Comic-Salon Erlangen

Dass ich das alles noch weiß, ist übrigens reines Glück. Fast wäre mir die Erinnerung aus dem Hirn geschüttelt worden, als ein etwas gedankenloser Besucher sich hinter meiner Sitzreihe vorbeidrängelt – und dabei vergisst, dass er einen weit ausladenden Schwerlastrucksack auf den Schultern hat. Der Aufprallwucht nach sind darin mindestens das Gesamtwerk von Jens Harder und zwei Golden Age-Omnibusse enthalten. Am Vortag hatte ich mich noch darüber gefreut, dass die gepanzerten Trolleys, mit denen die Comicsammler der Boomer-Generation früher durch die Gänge der Messehallen pflügten, inzwischen offensichtlich der Vergangenheit angehören. Die Rucksack-Variante ist allerdings auch nicht besser und sorgt dafür, dass das ohnehin schon vorhandene leichte Kopfweh zum HEFTIGEN HIRNSAUSEN wird.

Einordnung auf der Schmerzskala: 4 von 10

Wie ich mich davon wieder erholt habe und was auf dem Heimweg ins Hotel geschah, folgt in Teil 3 dieses Rückblicks!