Gedanken über Comics,
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Wahn und Würgereiz

Kramer

Rasend schnell nähert sich die Walpurgisnacht - höchste Zeit für den vierten Teil unserer Reihe über Hexencomics! Diesmal präsentieren wir ein Werk mit ehrfurchtgebietendem Äußerem und einem Protagonisten, dem ein grauenhafter Ruf vorauseilt.

Man kann nicht über diesen Comic schreiben, ohne sich zunächst einmal seiner äußeren Erscheinung zu widmen. Schwer und wuchtig präsentiert er sich, gebunden in schwarzes Leinen. In bedrohlich metallischem Glanz ziert die blutrote Silhouette einer Frau das Cover; ihr Kopf verdeckt von einer strahlenden Aura. Darüber im Prägedruck in fetten Lettern der Titel, nur ein Wort: KRAMER. Gibt es bei Schwarzen Messen Gesangbücher? Wenn ja, werden sie wohl so ähnlich aussehen.

Dass ihn zwischen diesen Buchdeckeln etwas Anderes erwartet als etwa in den milde grusligen Gespensterheftchen aus dem Bastei-Verlag, dürfte dem Leser angesichts dieser Gestaltung also schon klar sein. Und tatsächlich geht die von Natalie Ostermaier hier ausgerollte, im späten 15. Jahrhundert spielende Geschichte an die Eingeweide.

Belastet durch eine aus einem Bettelknaben herausgeprügelte falsche Anschuldigung wird eine junge Frau der Hexerei bezichtigt und vors Tribunal der Inquisition gezerrt. Den Vorsitz des Verfahrens soll die Kapazität der Hexenverfolgung schlechthin übernehmen: der Dominikanermönch Heinrich Kramer, Verfasser des berüchtigten „Hexenhammers“.

Schon bald nach seiner Ankunft in der Stadt zeigt sich aber, dass Kramer dem ihm vorauseilenden Ruf kaum gerecht wird: Anstelle der erwarteten Autorität mit eisenhartem Willen erscheint ein zwar grausamer, letzten Endes aber schwacher, verängstigter Mensch, geplagt von Schuldkomplexen und Wahnvorstellungen, die ihn durch seine schlaflosen Nächte begleiten – und ihn selbst letztendlich dafür anfällig machen, seine Seele an den Teufel zu verlieren.

Dass die Handlung des 192-Seiten-Comics hiermit schon umfassend wiedergegeben ist, zeigt, dass es nicht Ostermeiers zentrales Anliegen ist, eine komplexe Geschichte zu erzählen. Eine ausgefeilte Dramaturgie sucht man dementsprechend vergebens. Die meisten Szenen schaffen es gerade so, die Handlung ruckelnd in Bewegung zu halten. Die wenigen Dialoge bleiben oberflächlich und dürr, die Szenerie, die viel für die Verankerung in einer glaubhaften Welt des ausgehenden Mittelalters leisten könnte, seltsam kulissenhaft.

Dass KRAMER trotz dieser Schwächen lesenswert ist, liegt an den unbestreitbaren Qualitäten von Ostermaiers Zeichenkunst. Der handwerkliche Charakter ihrer Zeichnungen, der auch im gedruckten Buch beinahe haptisch erfahrbar zum Ausdruck kommt, und die intensive Arbeit mit allen Schattierungen, die das Grauspektrum hergibt, erweisen sich als stimmiges Mittel für die Umsetzung einer derart düsteren Geschichte.

Gerade auf den Seiten, die ganz ohne Text auskommen, entfalten die Zeichnungen ihre stärkste Wirkung. Das Unbehagen etwa, das Kramer auf seiner Kutschfahrt zum Schauplatz des Prozesses erfasst, überträgt sich direkt auf den Leser: sind diese auf den ersten Blick harmlosen Alltagsszenen, die draußen vor dem Fenster vorüberziehen, nicht doch allesamt Zeichen teuflischen Wirkens?

Zu ganz großer Form läuft Ostermaier schließlich auf, wenn es daran geht, Kramers Seelenpein im wahrsten Wortsinn hautnah zu illustrieren. Über etliche Seiten hinweg erleben wir, wie der Inquisitor sich wie besessen im Bett herumwälzt, heimgesucht von Erscheinungen, die ihn gleichermaßen ängstigen wie erregen – und ihn letztendlich zerreißen zwischen sexueller Obsession, religiösem Fanatismus und dem Würgereiz des Selbstekels.

Wenn die Geschichte schließlich alle erzählerischen Zwänge abwirft und ins Fantastische abgleitet, findet sie vollends zu sich selbst. Ganzseitige, opulente Darstellungen infernalischer Kreaturen illustrieren Kramers Höllenfahrt und geben Natalie Ostermaier die Gelegenheit, ihre Fantasien ungebremst aufs Papier zu bringen.

Vermutlich hätte sich die Künstlerin  einen Gefallen getan, hätte sie sich von vornherein stärker auf das rein assoziative Erzählen verlassen. Das Buch hätte dann vielleicht mit einem weniger eindrucksvollen Umfang aufgewartet, dafür aber mit einer noch intensiveren Leseerfahrung – zwischen Wahn und Würgereiz.

Bewertung: Dreieinhalb von fünf Streckbänken

Kramer
Natalie Ostermaier / Zwerchfell Verlag
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten, €20

Abbildungen: © Zwerchfell Verlag / Natalie Ostermaier