Gedanken über Comics,
grafische Literatur
und den ganzen Rest

Außer Besen nichts gewesen

Hex Wives

Bis zur Walpurgisnacht beschäftigt sich der ALLESFRESSER mit ganz unterschiedlichen Comics, die Hexen in den Mittelpunkt der Handlung stellen. Den Auftakt macht die Vertigo-Reihe HEX WIVES, die einige ganz vielversprechende Zutaten in den Zauberkessel wirft – aber leider nur ein dünnes Süppchen daraus kocht...

Es ist ein Kreuz mit der Hexenjägerei: Da gibt man Tag für Tag sein Bestes, um dieses schwarzmagische Weibsvolk vom Angesicht der Erde wegzuhacken, -brennen oder -schießen – und muss jedesmal aufs Neue feststellen, dass die Höllenbrut ruckzuck wiedergeboren wird und der ganze blutige Schlamassel von vorne losgeht. Man kann es der in HEX WIVES beschriebenen Bruderschaft  daher kaum übelnehmen, dass sie nach Jahrhunderten in dieser Endlosschleife irgendwann darauf verfällt, das Dilemma mit einem nicht ganz feinen Trick zu lösen. Aaron Gabriel, Hexenjäger in langer Familientradition, wendet sich selbst der Magie zu und schafft es tatsächlich, den ganzen Hexenkonvent mit einem Bann zu belegen. Ohne Erinnerung an ihr früheres Leben und die mächtige Blutmagie, die ihnen nahezu grenzenlose Kräfte verleiht, führen die sieben Ex-Hexen seither ein glattgebügeltes Vorstadtleben als devote Bilderbuchhausfrauen, aus nächster Nähe überwacht durch ihre „Ehemänner“, bei denen es sich natürlich um die Hexenjäger höchstselbst handelt.

Alltag in Suburbia. Aus dem besprochenen Band

Eine bissige Satire zum zähen Kampf um Gleichberechtigung hätte Autor Ben Blacker aus diesem Szenario machen können; eine Geschichte, die den Leser mit einer fantastischen Handlung fesselt und ihm nebenbei etwas über die Abhängigkeiten erzählt, die Frauen in der Gesellschaft und ihren Beziehungen erfahren, oder wenigstens eine tarantinohafte Groteske, die Unterdrückung und Ungerechtigkeit in einem Sturm aus Blutmagie und Feuer hinwegfegt. Tatsächlich begnügt er sich aber damit, schablonenhafte Figuren auf vorhersehbarem Weg durch löchrige, höchst rudimentär ausgearbeitete Pappkulissen zu schieben. Und wenn schon der Autor so wenig Interesse an seinen Themen zeigt, überträgt sich das leider auch auf den Leser.

Das Erwachen der Macht. Aus dem besprochenen Band

Leider gelingt es auch Mirka Andolfo nicht, die Geschichte mit ihren Zeichnungen auf ein höheres Niveau zu hieven. Mit CONTRONATURA und MERCY hat die Italienerin bewiesen, dass sie Comics zeichnen kann. HEX WIVES ist demgegenüber recht konventionell heruntergeschrubbt. Das gestalterische Potenzial, das in der Gegenüberstellung der keimfreien Stepford Wives-Umgebung und der unterschwellig lauernden düsteren Mächte eigentlich schon wunderbar angelegt wäre, nutzt sie jedenfalls nicht aus.

So bleibt nach der Lektüre nur ein diffuses Gefühl der Enttäuschung zurück – ganz ähnlich wie es Nadiya, Isadora und die anderen Hexen erfasst, wenn kurzzeitig verschwommene Erinnerungen an ihre ruhmreiche Vergangenheit in ihr Bewusstsein gelangen. Nur dass es in unserem Fall vermutlich nicht an einem fiesen Zauberbann liegt.

Wertung: einer von fünf fliegenden Besen

Hex WIVES
Ben Blacker, Mirka Andolfo, Marissa Louise / DC Vertigo
Broschiert, 152 Seiten, $16,99

Alle Abbildungen © DC Vertigo