Wo geht’s denn hier nach Ithaka?

Die Odyssee in Comicform

Wenn ein Kreativgenie wie Christopher Nolan seine Version der ODYSSEE ins Kino bringt, darf man nicht weniger als ein Meisterwerk erwarten. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein: Warum sollte man sich überhaupt eine Verfilmung des Opus anschauen, wo man es doch genauso gut als Comic lesen kann? Bei der Vielzahl an Fassungen, die über die Jahre erschienen sind, sollte für jeden Geschmack die passende dabei sein. Der ALLESFRESSER schafft einen Überblick!

LEST DAS, IHR BANAUSEN!

Längst sind sie ja selbst schon Klassiker, die „Illustrierten Klassiker“, mit denen Albert Kanter bildungsfernen und / oder lesefaulen Kreisen in den 1940er und 50er Jahren den Kanon der Weltliteratur nahebringen wollte. Da darf die Odyssee natürlich nicht fehlen. Die 12.200 Verse des Originals auf 34 Seiten zu komprimieren, ist allerdings eine ziemlich sportliche Angelegenheit. Allzu viel inhaltliche Tiefe darf man von dem Heftchen deshalb ebenso wenig erwarten wie herausragende Zeichenkunst. Aber letzten Endes soll es ja nur Lust aufs Original machen, wie auf der letzten Seite verdeutlicht wird: „Versäume auf keinen Fall, Dir die Original-Ausgabe dieses Buches zu besorgen. Es wird sicher in jeder guten Buchhandlung, Leihbücherei oder städtischen Bücherei vorrätig sein.“ Na denn!

Was für ein Held! Was für ein Mann! © Bildschriften-Verlag

MUSKELN, MONSTER UND MÄANDER

Sehr viel prächtiger wird es bei Francisco Pérez Navarro und José Martín Saurí, die ihre Fassung der Odyssee Anfang der 1980er Jahre geschaffen und als Fortsetzungsgeschichte im Heavy Metal-Magazin veröffentlicht haben. Der Autodidakt Saurí hat offensichtlich die Altmeister des Schwarzweißcomics wie Alberto Breccia und Sergio Toppi bestens studiert, was man nicht zuletzt an den ins Ornamental-Dekorative übergehenden Landschaften und Hintergründen erkennt. Seine Helden sind übermenschlich, seine Monster monströs und die Welt drumherum wild und gefährlich. So eine grafische Wucht wünscht man sich für ein historisches Epos!

Es toben die Gewalten. © Ehapa Comics

FÜR DIE STREBER IN DER ERSTEN REIHE

Die von Clotilde Bruneau geschriebene und von Guiseppe Baiguera und Giovanni Lorusso gezeichnete Version der ODYSSEE kann da bei Weitem nicht mithalten. Erschienen ist sie in der Reihe „Mythen der Antike“, die vom früheren französischen Bildungsminister Luc Ferry herausgegeben wird und deshalb wenig verwunderlich mit ähnlichem bildungsbürgerlichem Anspruch antritt wie Jahrzehnte zuvor die „Illustrierten Klassiker“. So ein bisschen oberstudienrätig-pullunderhaft, wie es dieser Hintergrund erwarten lässt, kommt der Comic dann auch rüber – als handwerklich anständig umgesetzte, aber letzten Endes doch sehr biedere Nacherzählung, die ungefähr genausoviel Begeisterung für den Stoff weckt wie dieser graubärtige Deutschlehrer in der letzten Stunde vor der Mittagspause.

Das hat die Wetter-App nicht angezeigt! © Splitter Verlag

ATHENE, WAS HAST DU DA AN?

Georges Pichard hat unter Comicfreunden einen durchaus zwiespältigen Ruf, den er vor allem den sadomasochistischen Erotikcomics seines Spätwerks verdankt. Und wenn man weiß, wo sich seine Karriere dann später hinentwickeln sollte, wundert man sich auch weniger darüber, warum bei seinem nach einem Skript von Jaques Lob entstandenen ODYSSEUS die Götterfamilie auf dem Olymp verdächtig nach Fetischparty aussieht oder die Töchter des Aiolos mit Odysseus‘ Männern Spiele wie den Liebesflug, Küss-wen-du-willst oder Schlingelreiten spielen möchten. Zusammen mit irrwitzigen SciFi-Elementen in Lavalampen-Ästhetik und Circes liberalem Umgang mit bewusstseinserweiternden Substanzen fügt sich das aber zu einem erstaunlich stimmigen und sehr unterhaltsamen Pop Art-Werk, dem der Avant-Verlag eine sehr schön gemachte Buchausgabe gegönnt hat. Groovy!

Auch nicht schlecht: Zeus als so eine Art Hippie-Zyklotrop. © Avant-Verlag

GROSSE BILDER, GROSSE GEFÜHLE

So richtig interessant wird es ja meistens, wenn Künstler*innen eine überlieferte Geschichte nicht nur mehr oder weniger werkgetreu nacherzählen, sondern sie als inspirierendes Ausgangsmaterial verwenden und ihr eigenes Seemannsgarn daraus stricken. Zum Beispiel so wie Emmanuel Lepage und Sophie Michel in DIE FAHRTEN DES ODYSSEUS. Sie erzählen von dem rastlosen Maler Jules, der Ende des 19. Jahrhunderts das Mittelmeer bereist, immer auf der Suche nach seiner verlorenen Muse Anna. Als er in Istanbul die Kapitänin Salomé trifft und sie ihn auf ihr Schiff, die Odysseus, einlädt, nimmt seine Reise eine unerwartete Wendung. Gemeinsam begeben sie sich auf die Spur von Ammôn Kasacz, einem legendären Maler, der wie kein anderer die Sagen der griechischen Antike auf die Leinwand zu bannen vermochte – und der zugleich eine Rolle in Salomés tragischer Familiengeschichte spielt. Die fesselnde, hoch emotionale Geschichte erzählt Lepage in mal grandiosen, mal melancholischen Bildern, die wunderbar mit den immer wieder eingestreuten Gemälden des fiktiven Malers Kasacz korrespondieren. Und hier greift die Geschichte zweier einander umkreisender Künstler aus unterschiedlichen Generationen sogar aus in die Wirklichkeit: Die opulenten Gemälde hat nämlich der legendäre belgische Comiczeichner René Follet beigesteuert, der damals schon weit über 80 war.

Fast schon zu schön: Seefahrerromantik à la Lepage. © Splitter-Verlag

LATE TO THE PARTY

Die italienische Originalausgabe hat es rechtzeitig zum Kinostart des Nolan-Films in die Buchhandlungen geschafft; wir müssen uns leider noch bis November gedulden: dann erscheint auch bei uns DIE ODYSSEE von Milo Manara. Kein Comic im engeren Sinne, sondern eher eine illustrierte Nacherzählung, dürfte der Band trotzdem auch unter den hiesigen Comicfans seine Käufer finden. Nicht zuletzt, weil einige von ihnen außerordentlich gespannt sein dürften, wie sich der erotomanische Altmeister Circe, Calypso und Penelope vorstellt…

Überraschend: Bei Manara kommen auch Frauen vor! © Feltrinelli Comics

lllustrierte Klassiker Nr.25: Homers Odyssee
Bildschriften-Verlag
Heft, 34 Seiten, Farbe
Antiquarisch erhältlich

Die Odyssee
Francisco Pérez Navarro, José Martín Saurí / Ehapa Comics
Hardcover, s/w, 72 Seiten
Antiquarisch erhältlich

Die Odyssee
Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Giovanni Lorusso, Giuseppe Baiguera / Splitter Verlag
Hardcover, Farbe, 224 Seiten / 45 €

Odysseus
Jaques Lob, Georges Pichard / Avant-Verlag
Hardcover, s/w, 160 Seiten / 39 €

Die Fahrten des Odysseus
Emmanuel Lepage, Sophie Michel, René Follet / Splitter Verlag
Hardcover, Farbe, 272 Seiten / 39,80 €
Verlagsvergriffen

Die Odyssee
Milo Manara / Splitter Verlag
Hardcover, Farbe, 112 Seiten / 25 €
Erhältlich ab November 2026