Comics für den Sand am Meer
Tipps für die Ferienlektüre
Der Sommerurlaub ist ja angeblich die schönste Zeit des Jahres, was – ganz nach persönlichen Vorlieben – wahlweise mit Sandstränden, Berggipfeln oder dem All-You-Can-Eat-Frühstücksbuffet zu tun hat. Aber ehrlich gesagt ist das doch alles nur nettes Beiwerk für das, was die Ferien wirklich auszeichnet: dass man nämlich endlich mal genügend Zeit zum Comicslesen hat! Welche Bildergeschichten die ALLESFRESSER-Redaktion dieses Jahr in ihre Koffer packt, verrät sie hier ganz exklusiv!
Rapho traut sich in den Dschungel
Passend zum heftigen Hitzesommer packe ich Heart of Darkness (2013) in meinen Koffer, eine illustrierte Ausgabe von Conrads Novelle von 1899. Vor Jahren wollte ich dieses Werk einmal in einem meiner Seminare behandeln, letztendlich musste es aber anderen Titeln Platz machen und wurde erst kürzlich zwischen einem Tropenhelm und einer Dose Mückenspray wiederentdeckt. So kann ich nun mit ordentlich Verzögerung an Marlows Reise in die Tiefen des Kongo und der menschlichen Psyche teilhaben. Ich bin gespannt auf Kishs ausdruckstarke, grotesk-starre Bilder, die (hoffentlich) die drückende Hitze, das nie endende Töten und den um sich greifenden Wahnsinn in Grün, Gelb und Schwarz einfangen. Jeder Seite des Novellentexts ist genau eine Illustration zugeordnet, beide starren einen je gemeinsam von einer Doppelseite aus an.

MB entscheidet pragmatisch
Großformatige Hardcover eignen sich aus ganz praktischen Gründen genauso wenig als Reiselektüre wie schwergewichtige Omnibusse oder empfindliche Heftchen. Sehr viel koffertauglicher sind da die kompakt-flexiblen Paperbacks aus dem Image-Verlag, von denen sich zuletzt ein ganzer Stapel bei mir angesammelt hat. Drei von ihnen dürfen mich deshalb in den Urlaub begleiten: die ersten beiden Bände von Phantom Road (Jeff Lemire x Gabriel Walta x Jordie Bellaire – ein Dream Team!) und die derzeit überall abgefeierten Assorted Crisis Events – ganz frisch ausgezeichnet mit dem Eisner Award. Hoffentlich gibt‘s viel Lesewetter!

Alexander trägt Eulen nach Chalkidiki
Inspiriert von der Rückkehr der antiken Erzählung um die Irrfahrten des Odysseus in die Kinos habe ich vor, im Sommerurlaub den „Aristoteles“ vom Carlsen Verlag zu lesen und meine Geschichts- und Philosophiekenntnisse aufzuhübschen. Die Erzählweise bringt dann hoffentlich zumindest etwas Ordnung in diesen Zeitabschnitt, indem er biografische, philosophische und historische Erzählstränge miteinander verknüpft. Rückblickend wird da wohl von Aristoteles‘ Herkunft und seinem ganz persönlichen Lebensweg erzählt, der mitunter stark von politischen und historischen Ereignissen beeinflusst war. Im Zentrum dürften jedoch die Entwicklungsabschnitte seiner grundlegenden philosophischen Erkenntnisse ein. Ein erster Blick verrät, dass sich der Zeichner am Cartoon bedient – mit Figuren, deren Sympathie durch die Betonung ihrer manchmal allzu menschlichen Eigenschaften hervorgerufen wird. Das hat mir schon seit jeher sehr gut gefallen.

Sven denkt im Sommer schon an den Herbst
Paul, promiskuitiver Verfechter offener schwuler Beziehungen, wird mit der Andropause konfrontiert. Fallender Testosteronspiegel, nachlassende Sehkraft und sinkende Libido bedrohen sein Sexleben. In geschickt verwobenen Kapiteln geht Ralf König auf ein von den breiten Medien wenig beachtetes Thema ein, das Klimakterium virile. Mal humorvoll, mal tiefsinnig, beleuchtet er den langsamen Verfall der Männlichkeit. Doch es wären nicht Konrad und Paul, wenn am Ende nicht doch die Töne von Chers “If I Could Turn Back Time” ein versöhnliches Ende anstimmen würden.
Ein Comicbuch, das zwischen Tragik und Komödie mit einer kleinen Prise Sachcomic changiert und definitiv nicht nur von Männern im Urlaub gelesen werden kann.

Klaus wählt noch aus
Meine Comic-Ferienlektüre steht dieses Jahr noch im Comic-Shop meines Vertrauens, oder in der örtlichen Stadtbibliothek. Ich weiß noch nicht, was es sein wird, aber es sollte gut gezeichnet sein, eine spannende Story haben, und es sollten keine Superhelden drin vorkommen. Aber vielleicht mach ich an dem ein oder anderen Punkt auch Kompromisse, falls die anderen Beiden das ausgleichen. In diesem Sinne: Unterstützt eure lokalen Händler mit einem Besuch oder schaut mal in der Stadtbibliothek, was sich dort findet. Es lohnt sich!

Komischerweise hat niemand den Urlaubscomic schlechthin erwähnt, aus dem auch unser Aufmacherbild stammt: „Rein in die Fluten“ von David Prudhomme und Pascale Rabaté. Der darf natürlich in so einem Artikel nicht fehlen!

Rein in die Fluten
David Prudhomme, Pascale Rabaté / Reprodukt
Übersetzung: Uli Pröfrock
Gebundene Ausgabe, 120 Seiten, 24 €
Abbildung © David Prudhomme, Pascale Rabaté / Reprodukt