Schwarz und weiß und die Töne dazwischen
Ein Comic-Ausflug nach Basel (3)
Ein Comic-Ausflug nach Basel (3)
Ein Höhepunkt des ALLESFRESSER-Ausflugs nach Basel war der Besuch der Ausstellung JOSÉ MUÑOZ: BROKEN VOICES im dortigen Cartoonmuseum. Zwischen ausdrucksstarken Originalzeichnungen, großformatigen Wandgemälden und geschichtsträchtigen Erstausgaben gab es dort Überraschendes zu entdecken.
Wer keinen Schraubenzieher greifbar hat, der findet einen Weg, sein Comicregal mit Bindfaden und Schaschlikspießen zusammenzubauen. Oder, allgemeiner gesprochen: Die Beschränkung der Mittel kann kreative Energie freisetzen. Wer das nicht glaubt, braucht sich nur klassische Schwarz-Weiß-Comics anzuschauen. Der Verzicht auf Farbe zwingt Künstlerinnen und Künstler dazu, Fläche, Linie und Kontrast so bewusst einzusetzen, dass sie allein die Figuren charakterisieren, die Handlung voranbringen und vor allem die Atmosphäre der Geschichte bestimmen. Einem der Meister dieser Zunft, dem Argentinier José Muñoz, widmet das Cartoonmuseum Basel zurzeit eine umfangreiche Ausstellung.

Intensiver Auftakt. Foto: ALLESFRESSER
Gerade in Argentinien hat der Schwarz-Weiß-Comic eine lange Tradition, die ganz unromantisch darin begründet liegt, dass der aufwendigere Farbdruck in dem chronisch gebeutelten Land aus wirtschaftlichen Gründen selten in Frage kam. Bereits in den 1950er- und 60er-Jahren prägten Zeichner wie Alberto Breccia oder Francisco Solano López eine grafische Sprache, die heute noch nachwirkt. Wie stark, das mag eine Äußerung des heute wohl einflussreichsten argentinischen Zeichners Eduardo Risso belegen. 2019 erklärte er bei einem Panel auf dem Comic-Festival in München, es sei ihm schon klar, dass seine Comics heute aus kommerziellen Gründen koloriert werden müssen. Das ändere aber nichts daran, dass für ihn die Seite fertig sei, wenn die schwarze Tusche auf dem weißen Papier getrocknet ist.
Ein Zeichner, der fest in dieser Tradition steht, sie durch seine Arbeiten geprägt und weiterentwickelt hat, ist der 1942 geborene José Antonio Muñoz. Sein Hauptwerk, die zusammen mit dem Autor Carlos Sampayo entstandene Serie Alack Sinner, empfängt die Besucherinnen und Besucher gleich im ersten Raum der Ausstellung.

Besucherin in Tarnfarben. Foto: ALLESFRESSER
Es wäre nicht falsch, wenn man die Reihe als klassischen Noir-Krimi beschreiben würde. Tatsächlich aber wird sie schon allein durch Muñoz‘ radikale Grafik zu etwas wesentlich Größerem. Schraffuren, die zwischen hellen und dunkeln Flächen vermitteln, gibt es nicht. Da ist nur weiß und sehr viel schwarz, als häufig mäandernde, suchende Linie oder als kräftige, raumgreifende Fläche.
Die Zwischentöne, auf die die Zeichnungen ganz bewusst verzichten, finden sich umso intensiver in den Geschichten und den Charakteren. Hier gibt es keine strahlenden Helden oder klischeehaften Schurkengestalten, sondern nur mehr oder weniger stark vom Schicksal zerbeulte Figuren. Sie bevölkern ein New York, das einerseits realistisch und vertraut wirkt, andererseits aber auch seltsam herbeideliriert – etwa durch offensichtlich merkwürdige Schriftzüge an Ladenfronten oder Gestalten, die selbst in der Stadt des anything goes verwunderte Blicke auf sich ziehen würden.

Beleg eines real gelebten Lebens? Portrait des gealterten Alack Sinner. © José Muñoz, «Gentle Alack with a wild bison stampede inside his mind», 2018–2022. Courtesy Bicocchi Collection
Ein besonders schlauer Zug der Kurator*innen ist es deshalb, als Auftakt in die Ausstellung ein fast schon naturalistisch gemaltes Portrait von Alack Sinner zu hängen. So wird er uns subtil als reale Person beglaubigt, der wir auf ihrem Weg durch Traumwelten und Erinnerungen folgen, die doch tiefe Wurzeln in der realen amerikanischen Zeitgeschichte haben.
Und man kommt nicht umhin, die Heimatlosigkeit, die viele der dargestellten Personen ausstrahlen, biografisch zu interpretieren. Aufmerksamen Betrachterinnen der Ausstellung entgeht es nicht: die Sprechblasen in den Zeichnungen sind nicht mit spanischen, sondern mit italienischen Texten befüllt. Entstanden sind sie nämlich nicht zuhause in Argentinien, sondern im italienischen Exil, wo Muñoz und Sampayo in den früher 1970er Jahren nach ihrer Flucht vor der Militärdiktatur zueinander gefunden haben. Eigentlich ist es ja eine Selbstverständlichkeit, aber weil viele gerade darüber diskutieren, ob KI-generierter grafischer „Content“ gleichwertig neben den Werken menschlicher Künstler*innen stehen kann, darf man es hier noch einmal ganz bewusst wahrnehmen: echte, anrührende Kunst entsteht da, wo sie sich aus dem echten menschlichen Erleben speist.

Erstausgaben aus dem europäischen Exil. Foto: ALLESFRESSER
Die präsentierten Originalzeichnungen umspannen mehrere Jahrzehnte und damit alle Phasen von Alack Sinner. So lassen sie auf verdichtetem Raum erkennen, wie stark sich die zeichnerische Sprache Muñoz‘ im Laufe der Zeit verändert hat. Sind die frühen Episoden noch recht realitätsnah illustriert, werden die Figuren zunehmend zur Karikatur, die Formen freier. Der grafische Ausdruck verschiebt sich von dem der Tuschezeichnung zum Holzschnittartigen.
So kann man gleich im ersten Teil dieser Ausstellung einen umfassenden Eindruck von Muñoz‘ Karriere bekommen. Die weiteren Räume, die sich der Nachfolgeserie Joe‘s Bar, Muñoz‘ Buchillustrationen oder seinen zeichnerischen Liebeserklärungen an die Musik und die argentinische Heimat widmen, können dem nur noch punktuelle Ergänzungen hinzufügen.

Unruhiges Leuchten: Farbe im Werk von José Muñoz. Foto: Derel Li Wan Po, © Cartoonmuseum Basel – Zentrum für narrative Kunst
Nur ganz oben unterm Dach gibt es dann doch noch eine Überraschung auch für den vermeintlichen Muñoz-Kenner: Die impressionistisch hingetupften Naturdarstellungen, die dort hängen, sind so ganz anders als alles, was man bis dahin zu sehen bekam. Doch trotz leuchtender Farben: so etwas wie Fröhlichkeit strahlen auch diese Bilder nicht aus. Ganz im Gegenteil wirken auch sie durch eigenartige Lichtstimmungen und in die Abstraktion entschwindende Vegetation wie die beunruhigenden Produkte diffuser Alpträume. Und so fügen auch sie sich stimmig in das facettenreiche und doch konsistente Werk eines Künstlers, dem es vor allem gelingt, dem Beunruhigenden einen Ausdruck zu geben – sei es in Farbe oder Schwarz-Weiß.
Die Ausstellung im Cartoonmuseum Basel läuft noch bis zum 21. Juni 2026. Weitere Informationen auf der Website des Museums.
Wer Lust bekommen hat, die Comics von José Muñoz nun selbst kennenzulernen: Im Avant-Verlag sind sehr schöne deutsche Ausgaben von Alack Sinner und der Nachfolgeserie Joe’s Bar erschienen.