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Weil es die Wahrheit ist

Contrapaso - Die Kinder der Anderen

Mit der Wahrheit ist es so eine Sache: Einerseits bekommt jedes Kind beigebracht, dass man sie immer sagen soll. Andererseits merken die meisten schnell, dass man damit nicht immer am besten fährt. Und geradezu gefährlich wird das Beharren auf der Wahrheit in einer Diktatur, die lieber selbst bestimmt, wie ihre Bürger die Welt wahrnehmen sollen. In Teresa Valeros CONTRAPASO müssen das zwei Ermittler im franquistischen Spanien am eigenen Leib erleben.

„Contrapaso = Gegenpunkt, […] eine Kompositionstechnik, bei der einem Thema ein eigenständiges zweites als Gegenstimme hinzugefügt wird.“
Aus der Einleitung zum besprochenen Band

Wir Deutschen können uns ja in dem höchst zweifelhaften Ruhm sonnen, den Faschismus auf die Spitze getrieben zu haben. Doch auch andere Nationen haben damit ihre leidvollen Erfahrungen gemacht; ganz zuvorderst Spanien, wo sich das diktatorische Franco-Regime bis weit in die 1970er Jahre hinein erstreckte.

Mitten in dieser Epoche, im Jahr 1956, spielt Teresa Valeros Graphic Novel „Contrapaso – Die Kinder der Anderen“. Es handelt sich dabei nicht um die graphische Umsetzung einer Buchvorlage. Es ist auch keine „wahre Geschichte“, jedenfalls keine, die sich in ihrer Gesamtheit genau so zugetragen hat. Aber die einzelnen Puzzle-Stücke haben einen durchaus realen Hintergrund und wurden bis in viele kleine Details hinein recherchiert. Dabei ist ein überaus spannendes Werk mit einem stark verdichteten Blick auf eine düstere Epoche Spaniens entstanden.

Vermittelt wird dieser durch die beiden Hauptprotagonisten, zwei Reporter einer Madrider Zeitung unter der Knute der Zensur:
Léon Lenoir ist jung, idealistisch und gerade erst aus Frankreich zurückgekehrt – die optimale Identifikationsfigur also für den Leser von heute, der mit der spanischen Geschichte nur bedingt vertraut ist. Wie die Dinge unter dem Regime in Spanien laufen, ist Léon nicht klar. Sein verkorkstes Liebesleben sowie die Tatsache, dass sein Ziehvater General im Franco-Regime ist, tun ein übriges dazu, dass er leicht über das Ziel hinausschießt.

Den Gegenpart zu ihm bildet Emilio Sanz. Dem desillusionierten alten Falangisten geht es zunächst gegen den Strich, dass ihm ein junger Schnösel zur Seite gestellt wird. Schon seit Jahren ist er einer Mordserie auf der Spur, die das Regime totschweigt, denn solche Verbrechen gibt es in einem ordentlichen Staat nicht. Dank seiner vielen Beziehungen gelingt es Sanz trotzdem eine Spur aufzunehmen, die bis in die Zeiten des Bürgerkriegs zurückreicht – einer Epoche also, die viele Spanier lieber vergessen würden, und die doch überall ihre Narben hinterlassen hat. Gemeinsam nimmt das gegensätzliche Paar die Spur auf.

Teresa Valeros, von der sowohl die Story, als auch die Zeichnungen und Colorierungen von Contrapaso stammen, vermeidet dabei durch ihre beiden gegensätzlichen Helden geschickt das Klischee, alles aus der heutigen moralisch überlegenen Warte zu betrachten. In einem Polizeistaat ist es eben schwer, sich seine Prinzipien zu bewahren – erst recht als Journalist.

Bleibt noch das für den Comic-Fan Wichtigste – die Zeichnungen. Diesen merkt man die langjährige Erfahrung der Zeichnerin beim Trickfilm an. Die Bilder folgen der Linie der Handlung, der Gesichtsausdruck der Figuren stimmt, die Perspektiven passen und auch die Komik hat ihren Platz. Großformatige Splashpages in Superheldenmanier gibt es umgekehrt nicht. Dafür finden sich in den eleganten, gut colorierten Zeichnungen viele Details, die man als Betrachter auch beim zweiten oder dritten Lesen noch neu entdeckt.
Ich persönlich würde mich freuen, wenn noch weitere Comics von Teresa Valero auf deutsch erscheinen würden. Offenbar ist eine Fortsetzung von „Contrapaso“ in Planung, und ich bin gespannt, wie dort an die gelungene Vorarbeit aus „Die Kinder der Anderen“ angeschlossen wird.

Contrapaso
Teresa Valero / Splitter Verlag
Gebundene Ausgabe, 152 Seiten, €25,00

Abbildungen: © Splitter Verlag