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Die sieben Leben der Omaha

Omaha the Cat Dancer
Dass Katzen sieben Leben haben, weiß man ja schon länger. Und offensichtlich gilt das auch für Katzencomics: Die legendäre Reihe OMAHA THE CAT DANCER jedenfalls war schon mehr als einmal komplett von der Bildfläche verschwunden – nur um früher oder später wieder jung und frisch um die Ecke geschlichen zu kommen. Jetzt hat erstmals eine deutsche Ausgabe das Licht der Welt erblickt, und sie präsentiert OMAHA, wie man sie kennt: eigenwillig, unterhaltsam – und überhaupt nicht jugendfrei.

Es waren die späten siebziger Jahre, als Reed Waller einen eklatanten blinden Fleck im beliebten Genre des „Funny Animal“-Comics entdeckte. So vermenschlicht die lustigen Tierfiguren dort auch daherkamen – und immerhin durften sie Verbrecher jagen, die Weltmeere bereisen oder internationale Großkonzerne führen – ein zentraler Lebensbereich wurde ihnen konsequent vorenthalten: keine der Figuren konnte ein auch nur halbwegs anständiges (oder besser gesagt unanständiges) Liebesleben vorweisen; und das, obwohl etliche von ihnen konsequent hosenlos durch die Straßen schlenderten.

Das durfte in den sinnenfroh-libertären Siebzigern natürlich nicht so bleiben, und so konzipierte Waller für das Fanzine VOOTIE eine Reihe, die sich um die Liebesbeziehungen und erotischen Verflechtungen der handelnden Figuren drehen sollte. Dass er dabei ausgerechnet eine Stripperin in den Mittelpunkt der Handlung stellte, ohne diese Tätigkeit in irgendeiner Form zu problematisieren, mag aus heutiger Sicht befremden, war aber vermutlich eine rein erzählökonomische Entscheidung: So musste er sich jedenfalls nicht jedes Mal eine neue Begründung dafür ausdenken, nackte Haut zu zeigen (beziehungsweise unverhülltes Katzenfell).

Tischgespräche, Omaha-Style. Aus dem besprochenen Band.

Nach ein paar Kurzauftritten in verschiedenen Anthologien bekam Omaha 1984 ihre eigene Heftreihe. Um so etwas wie eine Handlung in Gang zu bringen, warf Waller seine Figuren in ein reichlich wildes Krimi-Verschwörungs-Szenario mit unterirdischen Geheimclubs, korrupten Politikern und tommygunschwingenden Ganoven. Schon nach anderthalb Heften erkannte er allerdings, dass dieses krude Konzept nicht sonderlich weit tragen würde, und legte sein Werk erst einmal ratlos beiseite. Vermutlich wäre die Serie damit auch schon wieder am Ende gewesen, wäre an dieser Stelle nicht Wallers damalige Lebensgefährtin Kate Worley mit ins Spiel gekommen. Sie sprang als Autorin ein – und bescherte Omaha ihr zweites Leben.

Worley führte die angelegten Handlungsstränge zwar weiter, erdete und entschleunigte sie aber und konzentrierte sich stärker darauf, das Figurenensemble zu entwickeln. Aus den scherenschnittartig angelegten Figuren der frühen Hefte wurden so innerhalb weniger Ausgaben glaubhafte Charaktere, denen man gerne durch ihr Leben folgte; seien es Omahas von Selbstzweifeln geplagter Lover Chuck, dessen großspuriger Vater oder die nach einem Überfall gelähmte Shelley, die sich zur Zuversicht zwingt und doch immer wieder mit ihrem Schicksal hadert. Und allen voran natürlich Omaha selbst, die von Worley als starke, selbstbewusste Frau porträtiert wird.

Die Geschichte lebt von da an weniger von einer konsequent vorangetriebenen Handlung als vielmehr von der Interaktion zwischen den Charakteren. Am stärksten ist sie immer dann, wenn sie ihnen einfach Raum lässt, sich zu unterhalten – bei der Arbeit, zuhause oder im Restaurant. Man könnte sagen, OMAHA hat die Soap Opera in den Comic eingeführt. Spätere Erfolgsreihen des Independent-Comics wie LOVE & ROCKETS oder STRANGERS IN PARADISE sind jedenfalls ohne diese Vorarbeit kaum vorstellbar.

Wer befürchtet, dass durch diesen Spurwechsel die Erotik zu kurz kommen könnte, darf beruhigt sein: Zwar nimmt sie in den späteren Episoden nicht mehr ganz so viel Raum ein wie zu Beginn, aber zwischen der Besprechung in der Werbeagentur und dem Pizzeriabesuch finden die Figuren doch immer wieder Zeit, gemeinsam im Bett zu landen – oder, wenn grade keines in der Nähe sein sollte, gerne auch auf dem Rücksitz oder dem Flokatiteppich. Dass man auch in diesen durchaus explizit dargestellten Szenen nie das Gefühl hat, ein pornographisches Werk zu lesen, gehört zu den großen Stärken des Comics: Sex ist hier ein ganz selbstverständlicher Teil des Lebens, weshalb er ganz beiläufig und durchweg positiv besetzt in der Geschichte präsentiert werden kann.

Die untere Hälfte dieses Bilds darf man sich selber vorstellen – oder im besprochenen Band anschauen.

Überhaupt zeichnet den Comic seine positive, optimistische Grundhaltung aus: trotz aller Konflikte, die das Drehbuch fordert, gehen die Figuren offen und warmherzig miteinander um; unterschiedliche Lebensentwürfe wie etwa der des schwulen Fotografen Rob finden ihren Platz im Ensemble, und sie werden nicht groß hinterfragt, sondern freundlich akzeptiert. Hier spürt man die freigeistige Haltung der Hippie-Ära nachklingen, und hätte OMAHA einen Soundtrack, dann würden mit Sicherheit Cat Stevens‘ legendäre Zeilen die Szenerie untermalen: And if you want to be free, be free `cause there’s a million things to be.

Auch weil Reed Waller seinen Stil von Heft zu Heft perfektionierte, war OMAHA so auf bestem Weg, eine zwar nicht massentaugliche, aber doch etablierte Comicserie zu werden. Leider warf das Schicksal dem Kätzchen und seinen Schöpfern von da an reihenweise Knüppel zwischen die Pfoten. Los ging es mit selbsternannten Tugendwächtern, die eine ganze Reihe von Prozessen gegen die Künstler, ihre Verleger und Händler anstrengten; einen davon sogar mit dem einigermaßen bizarren Vorwurf, der Comic würde Sex mit Tieren darstellen – was man einerseits natürlich schwer leugnen kann, was andererseits aber bedingt, dass man die Figuren gleichzeitig als Tier und Mensch interpretiert. Wer schon Schrödingers Katze nicht versteht, dürfte damit erst recht seine Probleme haben.

Zu den Rechtsstreitigkeiten, die viel Zeit und Energie aufzehrten, kamen weitere Schicksalsschläge, die eine kontinuierliche Arbeit an der Serie unmöglich machten. 1988 wurde Kate Worley bei einem Autounfall schwer verletzt. Kaum hatte sie sich von ihren Verletzungen erholt, wurde bei Reed Waller eine Krebserkrankung festgestellt, die eine aufwendige Behandlung notwendig machte. Endgültig vorüber schien die Geschichte von Omaha, als Waller und Worley sich 1995 trennten und damit auch ihre berufliche Zusammenarbeit beendeten.

Aber noch hatte Omaha ein paar Leben übrig, und so war es wohl zwangsläufig, dass Waller und Worley im Jahr 2002 beschlossen, die Serie doch noch einmal fortzuführen. Tragischerweise erkrankte nun Kate Worley schwer, und sie verstarb, ehe sie ihre Manuskripte für die neuen Folgen fertigstellen konnte. Ihr Witwer James Vance, ebenfalls Comicautor, vollendete diese auf Grundlage von Worleys Notizen.  2013 war es dann soweit, dass OMAHA nach über dreißig Jahren und mehreren Verlagswechseln mit einem achten Sammelband ihren Abschluss fand.

Mit vier Jahrzehnten Verspätung kann man nun endlich auch hierzulande diese Serie kennen lernen, die nicht nur viel Spaß macht, sondern tatsächlich comic­historische Bedeutung hat. Nicht in erster Linie, weil sie den Sex in die Panels gebracht hat, sondern weil sie die zwanghafte Einordnung von Comics in die klassischen Genreschubladen überwunden hat – einfach indem sie sich freimütig aus allen bedient und damit ganz nah dran ist am echten Leben. Fast könnte man meinen, Alan Moore habe an OMAHA gedacht, als er einmal feststellte: „Meine Erfahrung besagt, dass das Leben nicht in Genres unterteilt ist; es ist ein grusliger, romantischer, tragischer, komischer Science-Fiction-Cowboy-Detektivroman. Mit ein bisschen Pornographie, wenn man Glück hat.“

Omaha the Cat Dancer
Band 1
Reed Waller, Kate Worley / Verlag Schreiber&Leser
Broschiert, 256 Seiten, €29,80
Limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck, €39,80

Alle Abbildungen © Reed Waller / Verlag Schreiber&Leser