Gedanken über Comics,
grafische Literatur
und den ganzen Rest

Von Eisner bis zum Drachenei

Graphic Novels in der Galerie Stihl Waiblingen
Spätestes mit den großen Comic-Ausstellungen in der Frankfurter Schirn und in der Bundeskunsthalle in Bonn hat der Comic auch in Deutschland seine Museumstauglichkeit bewiesen. Aber auch in kleineren Häusern gibt es immer mal wieder interessante Comic-Ausstellungen zu sehen - aktuell etwa in der Galerie Stihl in Waiblingen, die sich der Graphic Novel im deutschsprachigen Raum widmet. Wer die über 300 sehenswerten Exponate noch bewundern will, muss sich allerdings sputen: Am 6. Januar öffnet sie zum letzten Mal ihre Tore.

Seit ihrer Eröffnung 2008 gibt es in der Galerie Stihl in Waiblingen wechselnde Ausstellungen zu Kunst mit / über / zu / auf Papier. Im Herbst 2018 trägt sie dieser Ausrichtung unter dem Titel „Graphic Novels: Aktuelle deutsche Comic-Romane“ erneut Rechnung, und auch dieses Mal nutzt sie die flexibel verschiebbaren Wandelemente für eine effektive und ansprechende Präsentation. Eine kleine Leselandschaft in der Mitte lädt ein, tiefer einzusteigen in das, was es darum herum sternförmig zu bestaunen gibt: über ein Dutzend (fast) zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler der deutschsprachigen Graphic Novel-Szene; jedem und jeder ist eine eigene Wandseite gewidmet, und durch die clevere Gegenüberstellung in der Sternform ergibt sich zwischen den Wänden ein ganz eigenes Stimmungsspiel aus Kontrasten und Korrespondenzen, das gekonnt über die die Einzelwerke hinausgeht.

Einen guten Anfang, um einem zwar kunstinteressierten, aber nicht unbedingt comicaffinen Publikum das Thema zu eröffnen, bildet – natürlich – Will Eisners A Contract with God (1978). Graphic Novels, so betont das Programm entsprechend, sind Comics, richten sich aber mit „anspruchsvollen romanhaften Erzählungen“ an ein „vorwiegend erwachsenes Publikum“. Ein solcher Einstieg ist natürlich irgendwie inhaltlich richtig und thematisch wichtig, aber irgendwie auch unglücklich: obwohl es, zum einen, mit Hans Hillmann (Fliegenpapier) neben Eisner einen zweiten Künstler aus den 1970ern zu sehen gibt, wirkt der Eisner-Einstieg als ‚Gründervater‘ und einziger US-amerikanischer Vertreter doch etwas isoliert. Zum anderen täuschen die etwas saloppe Einführung und Definition der Graphic Novel darüber hinweg, dass der Begriff für Eisner zu einem guten Teil eine Marketingstrategie war. Fast schon unterschlagen wird hier also das Spannungsfeld zwischen popularisierendem Verkaufsdrang und ästhetischer Autonomie von billigen Comicheftchen, dem die Graphic Novel heute noch viel stärker ausgesetzt als zu Eisners Zeiten (ein Gang in den nächstbesten Buchladen genügt) – ein Spannungsfeld, dem sich auch die Galerie Stihl nicht vollständig entziehen kann angesichts der Tatsache, dass sie neben zahlreichen mit Gebühren verbundenen Workshops auch Exemplare der gezeigten Graphic Novels selbst verkauft. Und damit sind die Schwierigkeiten, die man sich mit dem Untertitel „Comic-Romane“ eingekauft hat, noch nicht einmal angesprochen.

Doch wie bereits angedeutet: für das Publikum, das hier erreicht werden soll, funktioniert der Einstieg gut, und jenseits dieses konzeptionellen Stolperns präsentiert sich die Ausstellung auch durchgehend äußerst ansprechend: auf den großzügigen Flächen der Wände und einigen zusätzlichen Vitrinen finden sich über 300 sorgfältig kuratierte Exponate (Probedrucke, Originale, Skizzen), die auf eindrucksvolle Weise die Spannbreite der deutschen Szene aufzeigen. Von Hans Hillmanns Aquarellen, die komplett ohne Text auskommen, über die Imitation mehrstufiger Hochdruckverfahren bei Jakob Hinrichs (Hans Fallada – Der Trinker, 2015) bis hin zu den Kohlezeichnungen von Anke Feuchtenberger eröffnet sich zum einen die Vielfalt verwendeten Materialien und Techniken. Dazu lässt die Ausstellung auch thematisch und genretechnisch kaum Wünsche offen: beklommen machende Reportagen (Olivier Kugler, Dem Krieg entronnen, 2017) und Kindheitserinnerungen an das Fremdsein in anderen Kulturen (Birgit Weyhe, Ich weiß, 2017) geben sich ebenso die Klinke in die Hand wie literarisch-historische (Ulli Lust, Flughunde, 2013) und mythologische Stoffe (Felix Pestemer, Drachenei im Stammhirn, noch unveröffentlicht) oder Serienmörder (Isabel Kreitz, Haarmann, 2012) und ausgezehrte Rockstars (Reinhard Kleist, Nick Cave: Mercy on Me, 2017). Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass in der Galerie Stihl nicht nur die Werke, sondern auch die Künstlerinnen und Künstler selbst sich an vielen Stellen begegnen, sodass hier gleich auf mehreren Ebenen deutlich wird, was die deutsche Graphic Novel-Szene derzeit ausmacht.

Kurzum: wer nach der Völlerei der Weihnachtsfeiertage noch gehen kann, der / die möge sich bis allerspätestens zum 06.01.2019 nach Waiblingen in die Galerie Stihl aufmachen!

Abb. „Drachenei im Stammhirn“ © Felix Pestemer / Avant Verlag