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The Best of the Bat – Teil 5

Die 10 besten Batman-Stories aller Zeiten
Trommelwirbel, Tusch, wir sind am Ziel: Der ALLESFRESSER präsentiert den Spitzenreiter unserer Hitliste und damit den besten Batman-Comic aller Zeiten. Gleichzeitig aber fragen wir uns: gehört das Werk wirklich aufs Podest oder nicht eher in den Giftschrank?

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Die Rückkehr des Dunklen Ritters
The Dark Knight returns (1986)
Frank Miller / Klaus Janson / Lynn Varley

„It takes one to know one“, sagt man, und vielleicht brauchte es tatsächlich eine geplagte Seele wie Frank Miller, um den Besessenen unter der Fledermausmaske ganz und wahrhaftig zu durchdringen. Seine 1986 erschienene Vision eines gealterten Batman, der angesichts einer in jeder Hinsicht verkommenen Gesellschaft gar nicht anders kann, als die geschundenen Knochen noch einmal in den Ring zu werfen, ist jedenfalls von einer derartigen Wucht, Entschlossenheit und Konsequenz, dass niemand ernsthaft auf die Idee kommen könnte, eine andere Story an die Spitze dieser Liste zu setzen als DIE RÜCKKEHR DES DUNKLEN RITTERS.

Die rastlose Dringlichkeit der Geschichte findet ihre Entsprechung in Millers kratzigen, nervös-aggressiven Zeichnungen. Sein Batman ist kein filigraner Athlet, sondern ein bleischwerer, grob behauener Monolith, und selbst das Batmobil kommt nicht mehr als das laszive Muscle Car früherer Zeiten um die Ecke, sondern mutiert zu einem wüst gepanzerten, unförmigen Klumpen – was nur folgerichtig ist, wenn man die Straße als Kampfzone begreift. Wie im Fieberwahn peitscht Miller den Leser durch eine visuell berauschende, in winzigen Panels stakkatohaft vorangetriebene Erzählung, die von einem unablässigen Hintergrundrauschen aus tausenden Fernsehbildschirmen begleitet wird und nur gelegentlich zur Ruhe kommt, wenn sich nach häuserblockerschütternden Explosionen langsam der Staub legt.

Und doch fällt es trotz aller offensichtlicher Qualitäten nicht ganz leicht, sich den ritualisierten Lobpreisungen für den DUNKLEN RITTER vorbehaltlos anzuschließen. So unbestritten sein künstlerischer Rang und sein Einfluss auf das Medium, so fragwürdig ist das Menschen- und Gesellschaftsbild, das der Band vermittelt. Wie Miller hier liberale Positionen, politische Institutionen und die Medien verächtlich macht, mag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch als Satire durchgegangen sein, ist aber aus heutiger Sicht schwer zu ertragen – zumal man spätestens seit Millers Positionierung in den Nachwehen zu 9/11 und seinen Einlassungen zur Occupy-Bewegung ahnt, dass hier recht deutlich der Autor durch das Werk scheint.

Zugute halten kann man ihm höchstens, dass niemand gut wegkommt bei seinem Furor; Linke wie Rechte, Establishment wie Underdogs, Straßengangs, Neonazis und religiöse Eiferer, alle werden unterschiedslos durch die Mangel gedreht, und nicht einmal die Tea Party-kompatible Bürgerwehr „Batmans Söhne“ will sich so recht als Sympathieträger eignen. Und sicher muss man das Werk auch aus dem Ort und der Zeit seiner Entstehung heraus begreifen – als New York tatsächlich ein unsicheres, nicht zu weit vom Zerrbild Gotham entferntes Pflaster war und seine Bewohner berechtigterweise jegliches Vertrauen in Politik und Polizei verloren hatten.

Dennoch bleibt ein unguter Beigeschmack, und es stellt sich die Frage, wie man heute als Leser mit dem DUNKLEN RITTER umgehen soll. Am besten vermutlich so, wie es aufgeklärte Kunstinteressierte in anderen Bereichen schon längst tun. Niemand wird einem Opernfreund ernsthaft verbieten wollen, ein Werk von Wagner genießen zu dürfen, obwohl dessen antisemitische Einstellungen inzwischen gemeinhin bekannt sind. Sehr wohl aber darf man ihm abverlangen, sich mit den Hintergründen von Werk und Schöpfer kritisch auseinanderzusetzen. Und genauso darf man auch einem Hardcore-Batman-Fanboy zumuten, sich genau zu überlegen, welche Aspekte des DUNKLEN RITTERS er bejubeln möchte – und welche vielleicht eher nicht.

Auch heute, über dreißig Jahre nach Erscheinen des Bandes, ist DIE RÜCKKEHR DES DUNKLEN RITTERS noch immer einer der Topseller unter den Superheldencomics. Regelmäßig erscheinen neue Ausgaben, gerne in bibliophiler Aufmachung und angereichert um reichhaltiges Bonusmaterial. Da wäre es doch an der Zeit, bei der nächsten Edition drei oder vier Seiten für eine ernsthafte kritische Einordnung des Werks zu erübrigen. DC, Panini, wie sieht’s aus?

Damit ist unsere Batman-Top Ten am Ziel angelangt und abgeschlossen – zumindest bis wir in der reichhaltigen Geschichte des Fledermausmanns oder unter den zahllosen Neuerscheinungen weitere Glanzstücke entdecken, die unbedingt eine Neubewertung erforderlich machen…

Die Folgen 1 bis 4 der Liste finden sich hier,  hier, hier und hier.

Alle Abbildungen © DC Comics