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The Best of the Bat – Teil 4

Die 10 besten Batman-Stories aller Zeiten
Mittlerweile sind wir in den Top 3 unserer Liste angelangt und widmen uns dort zwei Geschichten, die die frühen Anfänge des Dunklen Ritters zeigen - und sein ergreifendes Ende.

3

Was wurde aus dem Dunklen Ritter?
Whatever happened to the Caped Crusader? (2009)
Neil Gaiman / Andy Kubert

Man hätte es ja vorher wissen können, was passiert, wenn man Grant Morrison die Batman-Reihe anvertraut. Nach 25 Heften, in denen er sich hemmungslos austoben durfte, war Anfang 2009 der Batman-Kosmos jedenfalls in heillosem Durcheinander, der Leser verwirrt und Batman tot. (Nicht für immer natürlich, er wird ja noch gebraucht, aber zumindest einmal vorübergehend.)
Aber wie man weiß, ist ja der übelriechendste Mist häufig der beste Dünger, und wunderbarerweise wuchs auch auf diesem Haufen ein zartes, strahlendes Pflänzchen: WAS WURDE AUS DEM DUNKLEN RITTER? von Neil Gaiman und Andy Kubert.

Neil Gaiman war schon klar, was für eine zweischneidige Angelegenheit es war, an dieser Stelle der Historie einen Band über Batmans Tod schreiben zu dürfen. Die Möglichkeit, Batmans Geschichte zum Ende zu bringen und ihn in aller Würde zur Ruhe legen zu dürfen, konnte er sich selbstverständlich nicht entgehen lassen. Gleichzeitig war ihm aber durchaus bewusst, dass sein Schlusswort nicht lange Bestand habe würde und spätestens das übernächste Kreativteam den Sargdeckel wieder aufsprengen und Batman mit Tusch und Konfetti aus der Kiste hüpfen lassen würde.

Gaiman löste das Dilemma auf, indem er sich überhaupt nicht auf Morrisons Hefte bezog, sondern eine eigenständige Geschichte über das Ende des Dunklen Ritters erzählte, herausgelöst aus jeder Kontinuität und damit von großer Allgemeingültigkeit. Sollte die Geschichte Batmans wider Erwarten doch irgendwann zu Ende gehen, ganz egal wie, wären diese Seiten ein Abschluss für die Saga, wie man ihn sich würdiger kaum vorstellen kann.

Die Geschichte selbst verströmt eine außerordentlich surreale Aura. Batman ist gestorben, und seine Freunde und Feinde, Gegner und Verbündeten und die gar nicht wenigen Mal-so-mal-sos versammeln sich im Hinterzimmer einer Bar in Crime Alley zur Trauerfeier. Einer nach dem anderen treten sie nach vorne und erzählen, was sie mit Batman verband und was sie in ihm sahen. Diese Erzählungen, die sämtliche Epochen der Bat-Historie wiederaufleben lassen, schaffen für Zeichner Andy Kubert die wunderbare Gelegenheit, in alten Kostümen, Fahrzeugen und Requisiten zu schwelgen, was er mit erkennbarem Vergnügen tut. Seine noch größere Leistung besteht aber darin, dass er auf ganz subtile Weise die vielen Generationen seiner Vorgänger als Batman-Zeichner in seine Panels hineinwirken lässt – und man sich durch Posen, Perspektiven und Bildausschnitte vage an Zeichnungen von Neal Adams, Marshall Rogers oder Brian Bolland erinnert fühlt.

Die Erzählungen der einzelnen Trauergäste scheinen einander zunächst eher zu widersprechen als sich zu einem schlüssigen Bild von Batman zusammenzufügen – was angesichts von dessen mannigfaltigen Inkarnationen über die letzten 80 Jahre auch nicht verwundert. Doch dann zeigt Gaiman seine ganze Kunstfertigkeit als Erzähler. Schicht für Schicht legt er die einzelnen Berichte übereinander wie die Buntglasscheiben einer Kathedrale, und wenn er schließlich diesen schillernden Stapel gegen das Licht hält, erstrahlt durch die Überlagerung plötzlich, kristallklar und scharf der wahre Kern der Figur; die Essenz, die Batman ausmacht. Wer auf diesen letzten Seiten nicht die eine oder andere Träne verdrückt, der hat nun wirklich gar nichts für Batman übrig – oder ist ein härterer Knochen als der Dunkle Ritter selbst.

2

Batman: Das erste Jahr
Batman: Year One (1987)
Frank Miller / David Mazzucchelli

Eigentlich ist BATMAN – DAS ERSTE JAHR ja eine Mogelpackung. Wenn Comicredakteure ehrliche Menschen wären, würde hier jedenfalls eher JIM GORDON – DAS ERSTE JAHR auf dem Cover stehen. Immerhin kommt man als Leser dem frisch zugezogenen Polizeilieutenant, der seinen Dienst in Gotham antritt, sehr viel näher als dem Millionenerben Bruce Wayne, der zur selben Zeit seine ersten Schritte als maskierter Vigilant macht. Der Spannung tut das übrigens keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Wie der anständige Gordon versucht, seinen Platz zu finden in einer Stadt, in der Polizei und gesellschaftliche Eliten sich den Gesetzen nicht mehr verpflichtet fühlen als die allgegenwärtigen Straßenkriminellen; wie er darum kämpft, seinen Prinzipien treu zu bleiben, im Beruf wie im Privaten, und dabei durchaus auch scheitert, ist mindestens so fesselnd erzählt wie Batmans beginnender Feldzug gegen die Kriminellen an beiden Enden der sozialen Skala.

Miller und Mazzucchelli entwickeln die Geschichte ihrer beiden Hauptakteure in zwei parallel verlaufenden Erzählsträngen, die einander immer wieder kreuzen, aber erst spät im Handlungsverlauf tatsächlich zusammenkommen. Durch diese Parallelität arbeiten sie deutlich heraus, was die beiden Verbrechensbekämpfer verbindet, aber mehr noch, worin sie sich unterscheiden – James Gordon, der durch wirtschaftliche Zwänge, die repressiv-hierarchischen Strukturen bei der Polizei, aber auch durch die emotionalen Beziehungen zu seinen Mitmenschen stark von außen bestimmt ist und dennoch versucht, aus seinen minimalen Spielräumen so viel herauszuholen wie möglich, und demgegenüber der über alles Normalmenschliche erhabene, unabhängige, aber dadurch auch emotional isolierte Bruce Wayne. Selten wirkten diese beiden Charaktere so greifbar und wahrhaftig wie hier – wozu Millers auf den Punkt geschriebene Szenen genauso viel beitragen wie Mazzuchellis Zeichnungen, die Zweifel, Schmerz und Erschöpfung in den Gesichtern ebenso intensiv zum Ausdruck bringen wie Beharrlichkeit, Mut und den allzu seltenen Anflug von Hoffnung.

Ohnehin ergänzen Millers knackige Schreibe und Mazzucchellis zurückhaltender, eleganter Stil einander perfekt – was ganz besonders auch dem dritten Hauptdarsteller des Comics zugute kommt: Gotham. Der sonst allzu häufig nur behauptete Großstadtmoloch wird hier intensiv erfahrbar. Schon nach der furiosen Exposition, in der Gordon und Wayne auf unterschiedlichen Wegen in die Stadt kommen, hat man mehr verpestete Stadtluft durch die Lungen gezogen und Schlamm an den Schuhen als normalerweise nach einem dicken Sammelband.  (Und man hofft, dass es wirklich nur Schlamm ist.)

So schaffen Miller und Mazzucchelli ein derart dichtes Storygewebe, dass man schließlich, wenn man das Buch atemlos beiseite legt, kaum glauben kann, nur 96 Seiten gelesen zu haben. Eigentlich sollte man allen Comicautoren, die immer wieder mit aufgeschäumten, substanzlosen Stories unsere wertvolle Lebenszeit klauen, einmal pro Woche DAS ERSTE JAHR zu lesen geben. Nur damit sie sehen, was man mit vier dünnen Heftchen erreichen kann. Wenn man es kann.

Damit sind wir fast am Ziel. Es fehlt nur noch die alles überstrahlende Nummer eins – und der eine oder andere ahnt sicher schon, worum es sich dabei wohl handeln könnte…

Die Plätze 10 bis 8 unserer Liste finden sich hier, die Plätze 7 und 6 hier, und die Plätze 5 und 4 hier.

Alle Abbildungen © DC Comics