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The Best of the Bat – Teil 3

Die 10 besten Batman-Stories aller Zeiten
So langsam, aber zielstrebig wie Catwoman einem Diamantcollier nähern wir uns den Spitzenplätzen unserer Batman-Top Ten. In der vorderen Hälfte der Liste finden sich legendäre Epen aus der Historie der Fledermaus – und zwei Zeichner, die unser Bild von Batman nachhaltig geprägt haben.

5

Dark Victory
Dark Victory (1999/2000)
Jeph Loeb / Tim Sale

Selbstverständlich kann keine ernstzunehmende Liste dieser Art ohne einen Beitrag von Tim Sale auskommen. Seine eigenwilligen, in der Linienführung am europäischen Comic, in Seitenaufbau und Erzählrhythmus am Manga geschulten Zeichnungen geben auch durchschnittlichen Geschichten eine Tiefe, wie man sie in Batman-Comics selten findet. Derart wirkungsvoll arbeitet er mit den Mitteln des Expressionismus, mit Licht und Schatten und starken Perspektiven, dass man in den düsteren Kulissen seines Gotham City manchmal eher mit einem Auftauchen von Dr. Caligari rechnet als mit dem von Dr. Strange oder Dr. Crane.

Legendär sind vor allem die Geschichten, die Sale in Kooperation mit Autor Jeph Loeb realisiert hat. Als Opus Magnum dieses Duos wird gemeinhin THE LONG HALLOWEEN angesehen. Ganz nachvollziehbar ist das allerdings nicht, denn bei aller Begeisterung für die grafische Umsetzung stellt man doch fest, dass die Handlung dieses Mehrteilers recht schematisch heruntergeorgelt wird – bis hin zu den pflichtschuldigen Auftritten der üblichen Superschurken, die wie die Figuren eines mechanischen Glockenspiels nacheinander ins Licht geschoben werden.

Wesentlich souveräner erzählt ist da die Fortsetzung DARK VICTORY, die direkt an die Geschehnisse aus THE LONG HALLOWEEN anknüpft. Kaum hat Batman den sogenannten Holiday Killer hinter Gitter gebracht, erscheint ein neuer Serienmöder auf der Bildfläche: Der Hangman, dem mehrere Polizisten zum Opfer fallen. Dass die Morde wie schon in TLH immer an Feiertagen stattfinden, scheint einen Bezug zum Holiday Killer herzustellen. Gleichzeitig hinterlässt der Hangman aber auch Rätsel an den Tatorten, die auf Harvey „Two-Face“ Dent hindeuten.

Loeb und Sale entfalten ihre Krimigeschichte diesmal deutlich organischer und damit auch fesselnder als noch bei TLH. Lesenswert wird sie aber vor allem durch die Art und Weise, in der sie sich ihren Figuren widmet. Praktisch jeder Handlungsträger hat Verlusterfahrungen gemacht, die er verarbeiten muss – allen voran Batman selbst, der miterleben musste, wie sein engster Verbündeter und Freund Harvey Dent dem Wahnsinn anheimfiel. Und so wird das Gefühl des Alleinseins und das Ringen mit einer neuen Situation, die letzten Endes akzeptiert werden muss, zum Leitmotiv für DARK VICTORY. Tim Sale findet hierfür meisterhafte Bilder, wenn etwa Jim Gordon nachts umgeben von erdrückender Dunkelheit über seinen Ermittlungsunterlagen brütet oder der von Batman verstümmelte und in den Wahnsinn abdriftende Alberto Falcone in seinem palastartigen Schlafzimmer verloren auf dem riesigen Bett sitzt. Die wirkungsvolle, düstere Kolorierung von Gregory Wright tut ein Übriges, so dass man mit Überzeugung feststellen kann: DARK VICTORY ist das bessere THE LONG HALLOWEEN!

4

Ra’s al Ghul-Saga
Tales of the Demon (1971)
Dennis O’Neil / Neal Adams, Irv Novick, Dick Giordano

Wer zum ersten Mal ein Batman-Heft aus den, sagen wir, fünfziger oder sechziger Jahren aufschlägt, der sollte sich vorsichtshalber auf eine Enttäuschung vorbereiten: Wie dort in biederer Halbtotale hölzerne Witzblattganoven von nur unwesentlich geschmeidigeren Schlaksen in Strumpfhosen herumgeschubst werden, befriedigt kaum unsere heutigen Erwartungen an die Schauwerte eines Superheldencomics. Geändert hat sich das erst Anfang der Siebziger Jahre, als Zeichner wie Neal Adams Action und Drama in die Welt des Dunklen Ritters brachten. Gesichter zeigt Adams am liebsten in Nahaufnahme, von Emotionen verzerrt bis zur Grimassenhaftigkeit. Wenn sein Batman sich akrobatisch durch die Panels schwingt, spürt man förmlich die Spannung in den Muskeln und die Kämpfe mit seinen Gegnern werden zu expressiven Choreographien überhöht. Kongenial veredelt wurden seine dynamischen Bleistiftzeichnungen durch die kraftvollen Tuschestriche seines Stamminkers Dick Giordano.

Zu besonderer Hochform lief Adams immer dann auf, wenn er Geschichten von Dennis O‘Neil illustrieren durfte. Und gemeinsam entwickelten die beiden auch eine der in Fankreisen legendären, bis heute nachhallenden Batman-Storylines: Die Ra’s al Ghul-Saga.  In einer Reihe lose miteinander verknüpfter Geschichten etablierten sie darin den gleichnamigen Anführer einer finsteren Geheimgesellschaft – und damit den eindrucksvollsten Widersacher, mit dem Batman je zu tun bekommen sollte (und ja, wir kennen den Joker): hochintelligent, moralisch zwiespältig und quasi unsterblich. Dass er dem Leser unvergesslich bleibt, liegt zu einem beträchtlichen Teil auch an dem beeindruckenden Erscheinungsbild, das Adams ihm verleiht. Er portraitiert ihn als ehrfurchtgebietenden, aristokratischen Finsterling Marke Christopher Lee, versehen mit einem eigenwilligen Schurkenbart, bei dem man nie so recht weiß, ob man ihn nun etwas lächerlich oder extrem cool finden soll.

Die Geschichte selbst wirkt aus heutiger Sicht durchaus angestaubt. Die Handlung ist holprig, das Verhalten der Figuren erratisch, und dass alles, was geschieht, auch noch einmal in ausführlichen Textboxen erläutert wird, ist nicht unbedingt die hohe Schule des grafischen Erzählens. Dass dennoch jeder Batfan, der auf die Saga angesprochen wird, leuchtende Augen bekommt, liegt an der schieren Fülle an Spektakel und Emotion, die O‘Neil und Adams dem Leser bieten: lebensbedrohliche Situationen, exotische Kulissen, ein mächtiger Gegner mit unklaren Absichten, Ra’s‘ attraktive Tochter Talia als Love Interest für den Dunklen Ritter und als absoluter Höhepunkt ein Schwertkampf auf Leben und Tod, in dem Batman sich mit bloßem Oberkörper unter sengender Wüstensonne präsentiert. Wenige Comics zeigen so deutlich, dass es vielleicht gar nicht so sehr darauf ankommt, was auf den Seiten tatsächlich zu sehen und zu lesen ist, sondern vielmehr darauf, wie gut sich dieses Grundmaterial dazu eignet, im Kopf des Lesers weitergeformt zu werden.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Neal Adams ist irgendwann dahintergekommen, wie man in Photoshop Farbverläufe anlegt. Seither gibt es die meisten seiner Geschichten nur noch in einer regelmäßig in den Kitsch abgleitenden Neukolorierung zu kaufen, die der wuchtigen Präsenz der Bilder leider gar nicht gut tut. Also lieber in die Second Hand-Abteilung Eures bevorzugten Comicshops gehen und dort für ein paar Euro die alten Ausgaben holen! (Oder ein paar tausend, wenn es die amerikanischen Originalausgaben sein sollen…)

In den nächsten beiden, abschließenden Teilen unserer Reihe präsentieren wir die Spitzenplätze auf unserer Liste und damit die besten Batman-Comics aller Zeiten. Seid gespannt!
Die Plätze 10 bis 8 unserer Liste finden sich hier, die Plätze 7 und 6 hier.

Alle Abbildungen © DC Comics