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The Best of the Bat – Teil 1

Die 10 besten Batman-Stories aller Zeiten
Wer sich einen Überblick über die besten Batman-Geschichten aller Zeiten verschaffen möchte, hat es eigentlich nicht schwer: Mit Google & co. findet man im Internet ca. 82.400 entsprechende Listen, an denen man sich orientieren kann. Leider sind die alle rein subjektiv und vollkommen unzuverlässig, weshalb es höchste Zeit ist, dass der ALLESFRESSER seine eigene, strikt nach wissenschaftlichen Kriterien erstellte Top Ten der Batman-Stories präsentiert. In der finden sich einige anerkannte Klassiker und alte Bekannte wieder - aber auch ein paar Überraschungen.

10

Neun Leben
Nine Lives (2002)
Dean Motter / Michael Lark

Hätten Dashiell Hammett oder Raymond Chandler jemals eine Batman-Story geschrieben – es wäre NINE LIVES geworden. Batman & Co finden sich hier in das Umfeld einer klassischen Hard Boiled-Detektivgeschichte der dreißiger Jahre verpflanzt, und sie passen dort hinein wie Batmans Faust auf Two-Faces gesundes Auge.

Autor Dean Motter bewahrt bei diesem Transfer den Wesenskern der Figuren, erlaubt sich aber einige durchaus eigenständige Interpretationen. Dick Grayson etwa darf den klassischen lädierten Privatdetektiv geben, und Bruce Wayne ist so zwielichtig dargestellt, dass man gut nachvollziehen kann, warum Grayson wegen des Mordes an Selina Kyle gegen ihn ermittelt. Michael Larks großartige Zeichnungen übertragen die Bildsprache des Film Noir aufs Papier und schaffen so eine unglaublich dichte Atmosphäre – und ein düster-feindseliges Gotham (einschließlich Art Deco-Variante von Wayne Manor), das ganz nüchtern daher- und ohne Gothic-Klischees auskommt.

Zusammen liefern die beiden so die idealtypische Noir-Variante einer Batman-Geschichte. Knochentrocken könnte man sie fast nennen – wenn nur nicht so ausführlich in der Kanalisation herumgeplanscht werden würde…

9

Arkham Asylum
Arkham Asylum (1989)
Grant Morrison / Dave McKean

Aus heutiger Sicht kann man es sich kaum mehr vorstellen, aber es gab tatsächlich eine Zeit, in der Geschichten von Grant Morrison Anfang, Mitte und Schluss hatten, dazu glaubhafte Charaktere und eine Handlung, die sich einem auch ohne vorherige Aufnahme psychedelischer Substanzen erschloss.
Nun, wollen wir ehrlich sein – der Schotte hat genau eine Story geschrieben, die dieser Beschreibung entspricht: ARKHAM ASYLUM. Die aber hat es in sich. In ihrer unerbittlichen Düsternis packt sie den Leser da, wo es wehtut. Wahrhaftig unvergesslich wird der Comic durch die furios-alptraumhaften Zeichnungen, Gemälde und Collagen Dave McKeans, der sich schon damals eher an den Rändern der Kunstform Comic bewegte und diese dann auch bald hinter sich ließ. Heute betrachtet er ASYLUM als unreifes Frühwerk, auf das man ihn besser gar nicht mehr anspricht.

So konnte einer der einflussreichsten und kommerziell erfolgreichsten Batman-Comics nur durch diese singuläre Konstellation zustande kommen – durch die Kooperation zwischen einem Autor, dem es zum letzten Mal gelang, seine überbordende Phantasie in vernünftige Bahnen zu lenken, und einem Zeichner, der bereits auf dem Absprung war in die Welt der freien Kunst.

8

Der weiße Ritter
The White Knight (2017/18)
Sean Murphy

Als treuer Batman-Leser hat man es nun wirklich nicht leicht: Mehr aus Gewohnheit als aus Begeisterung müht man sich Monat für Monat durch die neusten Veröffentlichungen, die zwar zeichnerisch immer heroisch-pompöser daherkommen, erzählerisch aber nichts Neues zu bieten haben. Und mit jedem ernüchtert beiseitegelegten Heft verfestigt sich die Überzeugung, dass alle relevanten Batman-Stories längst geschrieben sind.

Aber wie es so ist: kaum hat man die letzte Hoffnung aufgegeben, fällt plötzlich ein unerwarteter Sonnenstrahl in Gothams schattig-enge Gassen. Sean Murphys „Der weiße Ritter“, erschienen 2018, bringt plötzlich ganz neue Ideen ins Spiel – und den Leser damit ins Nachdenken.

Murphy zeigt einen Batman, der bei seinem Krieg gegen das Verbrechen jedes Maß verloren hat. Längst schon steht die Spur der Verwüstung, die er auf seinem Kreuzzug hinter sich herzieht, in keinem Verhältnis mehr zu dessen möglichem Nutzen. Die einzigen, die noch von diesem blinden Wüten profitieren, sind skrupellose Investoren, die die von Batman verwüsteten Quartiere billig aufkaufen und gewinnträchtig gentrifizieren – darunter auch ein gewisser Bruce Wayne. Ausgerechnet ein vom Wahnsinn geheilter Joker kanalisiert den berechtigten Unmut, der sich auf den Straßen Bahn bricht, und wird zur Symbolfigur des bürgerlichen Widerstands.

Das Faszinierende an dieser Geschichte ist, dass man nicht nur dabei zusieht, wie hier lange gepflegte Gewissheiten ins Rutschen geraten, man glaubt es auch – und gerät als Leser selbst ins Zweifeln, ob man eigentlich auf der richtigen Seite steht. Das gelingt Murphy, indem er die über Jahrzehnte entwickelten Charaktere nicht vollkommen umdeutet und ihnen damit den Boden der Glaubwürdigkeit entzieht („Jim Gordon ist jetzt Batman!“), sondern durch eine unmerkliche Veränderung des Blickwinkels Aspekte an den Figuren erkennbar macht, die diesen schon immer zueigen waren.

Bei aller hintergründigen Finesse, mit der Sean Murphy sein Szenario entwickelt, behält er übrigens durchaus im Blick, dass es in einem anständigen Superheldencomic auch mal richtig krachen muss. Und spätestens wenn im finalen Kapitel alles auf die Straße geschickt wird, was der Fuhrpark der Bathöhle hergibt, weiß man: das kann er auch.

Weiter geht es hier mit den Plätzen 7 und 6 der Liste.

Alle Abbildungen © DC Comics