Gedanken über Comics,
grafische Literatur
und den ganzen Rest

Schmale Regale (1)

Levin Kurio präsentiert KAMANDI
Wenn man den Futurologen und Urbanisten glauben darf, wird sich der Trend zur Landflucht auch in den kommenden Jahren ungebremst fortsetzen, bis wir schließlich alle in den Megacities dieser Welt millionenfach dicht an dicht in winzigen, aber hocheffizienten Zwölf-Quadratmeter-Kapselwohnungen aufeinanderhocken. Was schon für Normalsterbliche eine befremdliche Vorstellung sein dürfte, versetzt den Comicsammler in schiere Panik: Für die zwanzigbändigen Blueberry-Chroniken, die Spirou-Komplettausgabe und die Longboxen mit der Detective Comics-Sammlung ist ganz buchstäblich kein Platz in einem solchen Leben.
Der ALLESFRESSER spielt das Gedankenexperiment einmal durch und fragt Comicschaffende aus allen Bereichen: Wenn Euer Regal nur noch Platz für einen einzigen Comic hätte – welcher wäre das, und warum?

Den Auftakt macht Levin Kurio von WEISSBLECH COMICS.

Auf welche Comics könnte ich nicht verzichten?! Nun ja, das ist eine Frage, die ich als Comicsammler oder besser, Comichorter, kaum beantworten kann. Oder doch?

Ersteinmal: Am wenigsten verzichten könnte ich – auf meine eigenen Comics! Denn das Gesamtwerk des WEISSBLECH-Schaffens, welches inzwischen etwas mehr als eine Shortbox umfasst, ist für mich mehr als nur ein paar Hefte, sondern halt auch ein Teil meines Lebens. Immer wieder nehme ich die Hefte zur Hand, und alle paar Jahre lese ich sie wieder. Dabei erinnere ich mich gerne an die Umstände, unter denen diese oder jene Geschichte entstanden ist. Fast wie ein Fotoalbum … aber ich denke, das ist nicht unbedingt gemeint.

Würde die Frage lauten: „Auf welche Comics, wo Du nicht selbst die Finger drin hattest, könntest Du nicht verzichten?“, dann würde mir die Antwort schwerer fallen – und doch gibt es eine Reihe, die ich von den ganzen tausenden Heften in meiner Bibliothek wohl am häufigsten in die Hand nehme.

Kamandi, The Last Boy on Earth … runde fünfzig Hefte, geschaffen von Jack Kirby während seines Vertrages mit DC Mitte der 70er, der ihn zu einem heute fast wahnwitzig anmutenden Output nötigte.

Kamandi, ein junger Mann, stolpert aus seiner Vault in eine von intelligenten Tieren bevölkerte, postapokalyptische Welt. Er trifft unentwegt auf neue Charaktere, dringt in immer neue Zonen vor, während sich dem Leser fragmenthaft erschließt, was eigentlich zu dieser Apokalypse geführt hat. Ein Planet der Affen-Rip-Off?! Mitnichten, es ist viel besser!

Ich weiß um die Kritik an Kirbys Arbeiten aus den 70ern – und ich halte sie für Schwachsinn. Klar, der damalige Zeitgeist stand seinen Arbeiten entgegen, und man darf nicht vergessen, dass viel von der Kritik von einer jungen Zeichnergeneration kam, für die ein Jack Kirby ein alter Sack war, der schlicht ihre Karrierechancen in einem sehr limitierten Markt verbaute. Aus meiner heutigen Sicht staune ich allerdings, wie frisch und gut gealtert, und vor allem innovativ Kirby ist, während viel von dem damals recht angesagten Zeug ziemlich abstinkt.

Da ist das Erzählkonzept: Kamandi löst sich vom Monster-of-the-Month-Schema; zwar gibt es jedes Heft ein neues Spektakel, gleichzeitig aber gibt es übergeordnete Erzählungen; Handlungsbögen, die sich über einige Hefte erstrecken, oft an das Schicksal von Nebenfiguren gekettet, die einem richtig ans Herz wachsen; die Odysee des Helden; und das Schicksal dieser Welt selbst, dass sich dem Leser nur sehr langsam en Detail erschliesst. Es gibt kein Ziel, keine Mission, außer dem Überleben, und das macht die Serie so stark, ich habe sie mehrmals gelesen und immer wieder mitgefiebert. Gleichzeitig ist das ganze recht dicht erzählt, und Kirbys kubistischer, actiongeladenener, nicht naturalistischer Stil hilft der Sache. Als die Serie zum Ende hin von anderen, detailierter arbeitenden Zeichnern übernommen wird, stirbt sie sofort.

Man kann mich schlagen, aber konzeptionell ist die Serie ein Vorläufer der Endlosserien wie The Walking Dead; ich halte TWD für eine der wichtigsten jüngeren Comicserien, aber gegen Kirby sind Kirkman und Co. regelrechte Seitenschinder.

Nostalgie? Nein, die Serie erschien, als ich noch nicht einmal geboren war.

Und weil es heißt, auf welches Comic ich nicht verzichten könnte, also Einzahl, will ich nicht schummeln: Klar, ein Omnibus wäre die Lösung, aber fuckyou, der Kram kommt halt auch nur so richtig in den Original-Zeitungspapier-Heftchen, für die er gedacht war! Deshalb sage ich: Kamandi, The Last Boy on Earth #14, dieses einzelne Heft, in welchem ein Handlungsbogen zum Abschluss kommt, in dem eine Nebenfigur stirbt, in dem sich ziemlich viel von dem kulminiert, was dieses hochinspirierende Epos, geschaffen von einem Genie auf der Höhe seines Könnens, ausmacht, das soll es sein!

Levin Kurio ist Zeichner, Autor, Verleger und Hansdampf in allen Comicgassen. Mit seinem Verlag WEISSBLECH COMICS sorgt er nun schon seit etlichen Jahren dafür, dass in deutschen Comics nicht nur Zeitgeschichtliches und autobiographische Befindlichkeiten ihren Platz haben, sondern auch Zombies, Fischmenschen und saurierreitende Amazonenkriegerinnen. Seine Werke findet man unter https://weissblechcomics.com

Kamandi-Abbildung © DC Comics