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Retrofuturismus auf Schwedisch

Tales from the Loop – Things from the Flood
Gesellschaftliche Utopien zu entwickeln traut sich dieser Tage kaum jemand. Macht nichts, der kreative Geist kann sich ja der Vergangenheit zuwenden. Simon Stålenhag entführt in ein Schweden der 80er Jahre, das es so nie gegeben hat. Seine beiden Bände „Tales from the Loop“ und „Things from the Flood“ zeigen eine Kindheit im Schatten einer geheimnisvollen wissenschaftlichen Anlage – „The Loop“.

Nach dem zweiten Weltkrieg wird deutlich, welche gigantischen Potenziale in der Erforschung nuklearer Technologien liegen. Es fließt eine Menge Geld in physikalische Grundlagenforschung. In der Sowjetunion wird die Magnetrin-Technologie entdeckt, die neue Arten der Motorisierung und des Transports erlaubt und eine neue Art von Luftschiffen hervorbringt. Um dem technologischen Vorsprung etwas entgegenzusetzen, reagiert man in Schweden mit der Planung und dem Bau eines staatlich betriebenen Partikelbeschleunigers für Experimente, von denen man sich Fortschritte auf dem Gebiet der Kernfusion verspricht. Schnell wird klar, dass es weltweit die größte Anlage ihrer Art sein wird: ein unterirdischer Tunnel aus Beton, ringförmig mit einem Durchmesser von 30 Kilometern. Dazu ein System von Wartungstunneln und oberirdischen Versorgungs- und Verwaltungsgebäuden.

Stålenhag legt seine grafische Erzählung als Kindheitserinnerung an. Aus dem Jahr 2014 blickt er zurück auf sich als Schüler, der im Schatten des Projekts aufwächst und dessen Alltag von ihm geprägt ist. Er und seine Freunde streunen durch die lange schwedische Winterdämmerung, zwischen Einfamilienhäusern und geparkten Volvos – kleine Jungs auf dem Nachhauseweg von der Schule, auf der Suche nach Abenteuern. Gelangweilt und hungrig.

Elchtest der besonderen Art. _Aus: Tales from the Loop

Überall hat der „Loop“ seine Spuren hinterlassen. Auch die Gespräche zuhause am Esstisch drehen sich oft um die Anlage: Viele Eltern haben Jobs beim staatlichen Betreiber Riksenergie.

Und es gibt alles, was eine Kindheit prägt: Scheidungen, Umzüge, Angst vor Mathearbeiten, beste Kumpels und das strange kid, das behauptet, einen zahmen Saurier zuhause zu haben. Der wird zwar für seine Angeberei verprügelt, aber die Geschichte macht trotzdem weiter die Runde. Und so genau weiß niemand, was eigentlich im „Loop“ erforscht wird…

Man kennt diese Art von Normalität aus den Romanen von Stephen King. Kids, die mit einem Bein in der Anderen Welt stehen und deren Wahrnehmung dadurch auch wie ein Seismograph auf den Einbruch des Unheimlichen und Übernatürlichen reagiert. Aufgeweckte in einer Welt von Schlafenden. Forscher, die mit ihren BMX-Rädern Expeditionen in die von den Erwachsenen vergessenen Ecken des Vertrauten unternehmen.

Wieder mal den Müll zu spät rausgebracht. _Aus: Tales from the Loop

Stålenhag erzählt uns von vertrödelten Nachmittagen, in deren Verlauf manches grade nochmal gut geht – wenn die Jungs im Übermut einen Roboter klauen. Und vom örtlichen Schläger Ragnar Jonssön, der eines Tages ertrunken in der überfluteten Ruine der stillgelegten Fabrik gefunden wird. Das Unheimliche und Ungewisse kommt dabei sowohl aus der ländlichen Natur wie aus der Technologie gekrochen. Einer Technologie, deren Kontrolle und Segnungen genauso glaubhaft oder zweifelhaft sind wie Gerüchte, die auf dem Schulhof kursieren – von Ausgeburten außer Kontrolle geratener Experimente, von Toren in andere Dimensionen und zu anderen Galaxien.

Und konsequenterweise geht im zweiten Band „Things from the flood“ dann mit der Privatisierung des Loops in den 90er Jahren auch alles den Bach runter: eine Flut legt die Anlage lahm und die Bevölkerung wird evakuiert. Androiden entwickeln seltsame Verhaltensweisen, wie die Faszination für organische Materialien, die sie von Zweigen bis Tierkadaver alles aufsammeln lässt, um sich damit zu schmücken. Die Entwicklung einer Art Schmiermittel für neuronale Verbindungen, die für den Gleichgewichtssinn der Roboter entscheidend sind, führt ebenfalls dazu, dass Maschinen Krankheiten entwickeln und Virenstämme auf Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik übergreifen.

Dem Gameboy geht’s nicht gut. _Aus: Things from the Flood

In beiden Bänden sind ganzseitige Farbbilder kurzen Texten eher assoziativ als illustrierend gegenübergestellt: geparkte Wartungsmaschinen stehen eingeschneit in der Landschaft herum, gigantische Maschinenteile werden von Vegetation überwuchert. Warm fällt das Licht aus den Fenstern auf die Schneedecke im Vorgarten, während sich gigantische Kühltürme am Horizont abzeichnen. Auf Schrottplätzen stapeln sich ausrangierte retro-futuristische Bauteile und Maschinen. Das alles wird liebevoll aufbereitet in zwei großformatigen Halbleinen-Bänden auf offenem Papier gedruckt serviert. Die luxuriöse Ausstattung der Bände wurde durch Crowdfunding der Publikation ermöglicht. Was auch dazu führte, dass Stalenhags digitale Gemälde schon fester Bestandteil jenes Stroms an Bildern geworden sind, die durch die Arterien der sozialen Medien gepumpt werden – auch Print wird hier Retro-Futurismus. Bestellen kann man die Bände bei Free League in Schweden. Dort kennt man die Zielgruppe und bietet gleich ein Rollenspielsystem mit an, das in Stålenhags Welt spielt. Selbstverständlich Pen & Paper.

Tales from the Loop
Design Studio Press, 2015
HC, englisch, 128 Seiten
ca. 50 €

Things from the Flood
Design Studio Press, 2016
HC, englisch, 128 Seiten
ca. 50 €

http://frialigan.se/en/store/?product_id=8823427333

Alle Abbildungen © Simon Stålenhag / Free League