Gedanken über Comics,
grafische Literatur
und den ganzen Rest

Reboot mit Raketen

Silvester 2017
Schon erstaunlich, welche magischen Kräfte wir auch heute noch dem Jahreswechsel zubilligen: Alle Misserfolge, Enttäuschungen und Verfehlungen des vergangenen Jahres werden mit den heute Nacht Schlag zwölf in den Himmel geschossenen Raketen pulverisiert, so dass wir anschließend in einem blütenfrischen Neuen Jahr von derartigen Altlasten befreit wieder durchstarten können. Wer Superheldencomics liest, dem dürfte das bekannt vorkommen: Man nennt es Reboot.

Zugegeben, ganz so regelmäßig wie Silvester kommen sie nicht, die New 52s, Marvel Nows und DC Rebirths. Was die Verlage mit ihren Heldenfiguren anstellen, wenn sie ihre Universen mal wieder einer Generalsanierung unterziehen, erinnert aber frappierend an eine Auswahl der beliebtesten Vorsätze, mit denen auch wir Normalmenschen ins Neue Jahr gehen: Man möchte mehr Zeit mit der Familie verbringen (Supie und Lois), mehr Sport treiben (Jim Gordon als Batman), im Beruf wahlweise vorankommen (bei den Avengers / der Justice League / irgendeinem anderen Heldenteam einsteigen) oder es etwas ruhiger angehen lassen (bei den Avengers / der Justice League / irgendeinem anderen Heldenteam aussteigen), endlich mal wieder etwas mit den alten Freunden aus dem Silver Age unternehmen und sich Gedanken über das eigene Erscheinungsbild machen (Kostüm-Redesign; obligatorisch).

Und wem diese Übereinstimmung noch nicht reicht, um etwaige Minderwertigkeitsgefühle abzubauen, der darf noch eine weitere Gemeinsamkeit zur Kenntnis nehmen: So wie bei uns die mit dem Schwung des Jahreswechsels erworbene Zehnerkarte des Fitnessstudios etwa ab Mitte Februar in der Schublade liegen bleibt, sind auch bei den bunten Strumpfhosenträgern die vorgenommenen Änderungen selten von langer Dauer. Ehe man es sich versieht, ist alles wieder beim Alten, unterm Fledermauscape steckt wieder Bruce Wayne und Jim Gordon kann sich als Ruheständler der Bartpflege widmen.

Von daher darf man die Sache mit den guten Vorsätzen also ruhig ganz entspannt sehen. Am besten ist es sowieso, von vornherein nur solche fassen, die sich auch halbwegs realistisch umsetzen lassen. Ich hätte da auch schon einen Vorschlag: Mehr Comics lesen. In diesem Sinne – alles Gute fürs Neue Jahr!

Abbildung:  © DC Comics, aus: New York World Fair’s Comics (1939)