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Monstrositäten der Metaebene

Providence
Wenn Alan Moore und Jacen Burrows den Leser auf eine Reise durch Neuengland nehmen, bekommt man von den üblichen touristischen Attraktionen nicht besonders viel zu sehen. Statt farbenprächtiger Sonnenuntergänge, ehrwürdiger Kolonialarchitektur und Indian Summer präsentieren sie düstere, seltsam abweisende Küstenstädte, zusammengesetzt aus windschiefen Holzhäuschen, hinter deren blinden Fenstern namenlose Schrecken lauern. Man ahnt es schon: sie wandeln auf den Spuren von H.P. Lovecraft, der den Landstrich im Nordosten der USA mit seinen Horrorgeschichten unsterblich gemacht hat. Oder sollte man eher sagen: untot?

Das Werk des Horrorliteraten Howard Phillips Lovecraft hat in den knapp hundert Jahren seiner Existenz eine erstaunlich wechselhafte Resonanz erfahren. Auf weitgehende Missachtung durch seine Zeitgenossen folgte in den 1960er und 70er Jahren die kultische Verehrung durch eine überschaubare, aber kulturell einflussreiche Leserschaft, ehe es schließlich in unseren Tagen vom allesverschlingenden Mainstream absorbiert, umfassend verwertet und dadurch letzten Endes banalisiert wurde. Lovecrafts Kosmos und die ihn bevölkernden gottgleichen, für den menschlichen Verstand unfassbaren außerirdischen Wesen wurden zum Glutamat des Horrorgenres: Reichlich eingestreut, verleiht es noch der ödesten Suppe gruslige Würze; zugleich versichert es den Autor der augenzwinkernden Komplizenschaft mit den Kennern, wenn hier und da ein mehr oder weniger versteckter Hinweis auf Cthulhu, die „Großen Alten“ oder andere der Lovecraftschen Wesenheiten untergebracht wird. Parallel dazu blieb auch Lovecraft von einer postmodern-zwanghaften Ironisierung nicht verschont: kinderzimmertaugliche Plüsch-Cthulhus und Collegejacken der mysteriösen Miskatonic University liegen längst in den Regalen des Nerdbedarfs zwischen Hogwarts-T-Shirts und Darth Vader-Masken.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Lovecraft heute nur noch auf zwei Weisen rezipieren: entweder man gibt ihn mit seiner umständlichen, altmodisch erscheinenden Erzählweise, den tentakelbewehrten Fischmonstern und dem an jeder Ecke lauernden Unaussprechlichen der Lächerlichkeit preis, was auch Comicschaffende diesseits und jenseits der Landesgrenzen schon eifrig praktiziert haben. Oder man nimmt den existentialistischen Horror angesichts eines mitleidlosen, unerklärlichen Universums bitter ernst. Alan Moore entscheidet sich in seinen Providence-Comics klar für die letztere Interpretation. Und wundersamerweise gelingt es ihm tatsächlich, die abgeschliffenen Kanten des nihilistischen Werks wieder herauszuarbeiten, sie zu schärfen und ihnen ihren ursprünglichen düsteren Glanz zu verleihen.

Schon mit früheren Arbeiten wie seinen Yuggoth Cultures hat Moore Lovecrafts Schöpfungen umkreist. Auch die Abenteuer der Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen waren von zahlreichen entsprechenden Verweisen durchzogen. Mit The Courtyard und Neonomicon bog er dann zusammen mit dem Zeichner Jacen Burrows auf eine engere Umlaufbahn um diese dunkle Materie der Horrorliteratur ein, um nun mit Providence zu ihrem Zentrum vorzudringen. Wie er in einem Interview mit dem Comicblog The Beat darlegte, war es sein Ziel, vielleicht nicht das ultimative, aber zumindest sein ultimatives Lovecraft-Werk zu schaffen.

Die Handlung der Reihe folgt dem jungen Journalisten Robert Black, der im Jahr 1919 nach einem persönlichen Schicksalsschlag New York verlässt, um in Neuengland Inspirationen für seinen lange geplanten Roman zu finden. Auf seiner Reise begegnet er verschrobenen, unheimlichen Hinterwäldlern, die befremdliche Bräuche pflegen, kommt in Kontakt mit der okkulten Sekte „Stella Sapiente“ und ist zunehmend verstörenden Ereignissen ausgesetzt, die sein rational geprägtes Weltbild nach und nach ins Wanken und ihn selbst an den Rand des Wahnsinns bringen.

Abstieg ins Unterbewusste? Aus: Providence, Band 2

Den zwölf ursprünglich als Einzelheften erschienenen Kapiteln sind jeweils Auszüge aus Blacks sogenanntem Kollektaneenbuch hintangestellt – einer Mischung aus persönlichem Tagebuch und Ideensammlung für seinen Roman. Mit diesem Kunstgriff gelingt es Moore, parallel zu den aus der Außensicht in Comicform dargestellten Ereignissen den schleichenden Erosionsprozess von Blacks geistiger Stabiliät erlebbar zu machen. Wo er zunächst noch versucht, bizarre Erlebnisse zu verdrängen oder, wenn das nicht mehr möglich ist, rationale Erklärungen für sie zu finden, ergibt er sich schließlich der Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmung der Welt eine sehr eingeschränkte ist, darauf geeicht, unserem empfindlichen Verstand nicht mehr zuzumuten als er verkraften kann.

Providence entfaltet einen unwiderstehlichen Sog – nicht zuletzt durch die souveränen Umgang von Burrows und Moore mit den erzählerischen Mitteln des Comic. Innerhalb eines rigiden Grundrasters verengen beklemmend schmale, hoch- oder querformatige Panels den Blick. Längere wortlose Sequenzen, teils mit minimalen Entwicklungen von Bild zu Bild, fordern den Leser und entschleunigen die Handlung nahezu bis zum Stillstand – nur um quälend langsam und unausweichlich auf die nächste Eskalation zuzusteuern.

Selbst die eigentümlich peniblen, immer etwas hölzern wirkenden Zeichnungen Burrows’ passen bestens ins Konzept: Ihre klinische Präzision versetzt den Leser in die Rolle eines gefühllosen Beobachters; das Marionettenhafte seiner Figuren verstärkt den Eindruck, dass diese ihrem Schicksal wehr- und willenlos ausgesetzt sind.

Fest im Griff seiner Ängste: Robert Black. Aus: Providence, Band 2

Moore wäre jedoch nicht Moore, würde er sich damit zufriedengeben, einfach eine spannende Horrorstory zu erzählen. Er schreibt deshalb nicht nur eine Lovecraft-Geschichte, sondern auch eine Geschichte über Lovecraft; er deutet und kommentiert dessen Werk, beleuchtet es von einer neuen Seite und schreibt es unter geänderten Vorzeichen für den heutigen Leser fort. Die schlimmsten Schrecken lauern bei ihm nicht hinter der nächsten Biegung eines unterirdischen Tunnelsystems, sondern weit droben in der Metaebene.

Die Figuren, denen Robert Black auf seiner Reise begegnet, dürften jedem mehr als nur vage vertraut vorkommen, der selbst schon Lovecraft gelesen hat – zu offenkundig sind die Bezüge zu dessen Geschichten, die von den vereinigten Lovecraft-Moore-Jüngern begierig aufgesogen und im Internet diskutiert werden. Fast schon ist man geneigt, sich über den für Moore ganz untypischen Mängel an Subtilität zu wundern. Doch man täte ihm Unrecht – im weiteren Verlauf ergibt auch diese Direktheit plötzlich einen Sinn. Spätestens wenn Black das zwangsläufige Ziel seiner Reise erreicht, die titelgebende Neuengland-Stadt Providence, in der Lovecraft den größten Teil seines kurzen Lebens verbracht hat, verschränken sich Leben und Werk, Fiktion und Realität in zwingender Schlüssigkeit. Selbst für die eigentlich nicht besonders plausible Allgegenwart von Lovecraft in unserer heutigen Trivialkultur findet Moore eine überzeugende und zugleich erschreckende Erklärung, und zum finsteren Ende hin wird auch dem Leser bewusst, dass es von vornherein keinen Ausweg gab; dass alles genauso kommen musste.

Man hätte darauf kommen können. Providence heißt schließlich Vorsehung.

 

Providence
Alan Moore, Jacen Burrows / Panini Comics
3 Sammelbände, 176 bzw. 180 Seiten, SC, je €19,99
oder als limitiertes Hardcover, je €39

Es empfiehlt sich, zuerst The Courtyard und Neonomicon zu lesen. Beide Geschichten sind, zusammengefasst in einem Band, auf Deutsch ebenfalls bei Panini erschienen.

Komplettsammler seien darauf hingewiesen, dass die englischsprachige Originalfassung bei Avatar Press in einer unüberschaubaren Vielfalt von Variantausgaben erhältlich ist.

Abbildungen: © Panini Comics