Gedanken über Comics,
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und den ganzen Rest

KLAUS schreibt über KLAUS

Gorillas im Nebel (1)
Der Mythos von Santa Claus speist sich aus vielen Quellen: Vom Bischof Nikolaus von Myra über Father Christmas als Rentierschlittenlenker, den deutschen Weihnachtsmann, Herrn Winter, Sinterklaas bis hin zur Coca-Cola Werbefigur von 1931. KLAUS, der Super-Santa des Schotten Grant Morrison und des Costa Ricaners Dan Mora, fällt da gar nicht so sehr aus dem Rahmen, wie man zunächst annehmen möchte, und erzählt endlich die wahre Geschichte vom Ursprung all dieser Mythen...

Damit ich als Neuling in der Szene (und auf dem ALLESFRESSER) mir tatsächlich mal einen Comic kaufe, muss schon einiges zusammenkommen. Zum Beispiel, dass mir ein Band von verschiedenen Leuten wärmstens empfohlen wird. Oder dass er meinen eigenen Namen trägt – der so verbreitet nun auch wieder nicht ist und etwa seit Mitte der 70er Jahre nicht mehr an Neugeborene vergeben wird. Wenn er dann noch so gut in die Jahreszeit passt wie KLAUS – Die wahre Geschichte von Santa Claus, dann ist das schon so etwas wie eine Fügung des Schicksals und es wird Zeit für einen Spontankauf. Da stört es dann auch nicht, dass der Band nicht ganz taufrisch, sondern schon vor zwei Jahren erschienen ist. Ich muss mich ja eh noch durch etwa 120 Jahre Comicgeschichte arbeiten; da sind zwei Jahre relativ gesehen nur ein Wimpernschlag.

Die Story zu KLAUS stammt von Grant Morrison, der bereits seit 1978 im Geschäft ist und den Lesern dieses Blogs zuletzt in unserer Batman-Top Ten begegnet ist: dort war er mit ARKHAM ASYLUM vertreten – und wurde von unserem Spiritus Rector MB geschmäht als jemand, der nicht im Stande sei, eine nachvollziehbare Geschichten zu erzählen. Dem darf ich an dieser Stelle doch gleich mal widersprechen: KLAUS ist zwar schräg, aber die Handlung als psychedelisch zu beschreiben, wäre nun wirklich übertrieben.

Die Geschichte spielt in einer mittelalterlichen skandinavischen Stadt kurz vor dem Julfest. Eis und Schnee bedecken das Land, so dass man sich schon beim Lesen eine warme Heizung wünscht. Ein grimmiger Fremder, besagter Klaus (ein sehr muskulöser und cooler Typ übrigens, wie eigentlich alle Kläuse), kommt in die Stadt. Er merkt schon bald, dass hier einiges nicht stimmt: Die männlichen Stadtbewohner schuften in der Kohlemine und auch den Frauen und Kindern wird gründlich jede Freude verdorben. Schon bald gerät unser Held mit der örtlichen Obrigkeit aneinander und die Geschichte beginnt rasch Fahrt aufzunehmen. Im weiteren Verlauf werden dann immer wieder Elemente unseres heutigen Ho-ho-ho-Nikolaus auf ihre „wahren“ Ursprünge zurückgeführt, was dem Comic letztlich seinen originellen Pfiff verleiht.

Die Zeichnungen dazu stammen aus der Feder des gerade mal 23 Jahre jungen Dan Mora, der trotz seiner Jugend mit HEXED, BUFFY und – ganz aktuell – ONCE AND FUTURE schon einige bemerkenswerte Werke abgeliefert hat und am Anfang einer vielversprechenden und hoffentlich noch langen Karriere steht. Mora stammt übrigens aus dem tropischen Costa Rica – was vielleicht erklärt, warum unser Titelheld trotz Eis und Schnee immer mit nackten Oberarmen herumläuft. Aber vermutlich ist da auch ein gewisser Testesteron-Überschuss im Spiel und all das hat seine Richtigkeit. Doch von solchen kleinkrämerischen Details einmal abgesehen sind die Zeichnungen ausgesprochen wirkungsvoll, nicht zuletzt durch ihre detaillierte Ausarbeitung und die kräftige, stimmungsvolle Kolorierung.

Für meinen Geschmack hätten die Herren Morrison und Mora zwar noch ein paar Klischees vermeiden und in Sachen Düsternis durchaus noch eine Schippe drauf legen können, aber das tut der Spannung und dem Spaß beim Lesen letztlich keinen Abbruch. Und so ganz will man es sich mit Weihnachten ja auch nicht verscherzen. Wer immer schon wissen wollte, was es eigentlich mit dem Schlitten oder dem Sack auf sich hat, der ist hier jedenfalls bestens bedient.

Insgesamt sieben Hefte wurden in dem mir vorliegenden, deutsch übersetzten Hardcover von Panini zusammengefasst und ergeben eine in sich abgeschlossene Geschichte. Doch auserzählt ist diese damit noch nicht. Im US-amerikanischen Original von „Boom! Studios“ sind jedenfalls bereits weitere Hefte erschienen, die ihrer Übersetzung harren und offenbar noch weitere Nikolaus-Quellen durch die Zeitgeschichte hinweg auf ihre wahren Ursprünge hin ausloten. Ho, ho, ho und frohe Bescherung also – auch Weihnachten 2020 könnte damit dann schon gesichert sein!

Klaus: Die wahre Geschichte von Santa Claus
Grant Morrison, Dan Mora / Panini Comics
Hardcover, 212 Seiten, 29 €

Alle Abbildungen © Boom! Studios / Panini Comics

Der Beitrag ist Teil unserer Reihe GORILLAS IM NEBEL, in der mutige Comic-Neulinge von ihren ersten Schritten in den Comicdschungel berichten.