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Der Trost von Ungeheuern

Am liebsten mag ich Monster
Wenn wie aus dem Nichts eine auch in Fankreisen vollkommen unbekannte Zeichnerin im Alter von 55 Jahren ihr Comicdebüt abliefert, für begeisterte Leser und euphorische Kritiken sorgt und alle wichtigen Preise der Branche abräumt, darf man das ohne Übertreibung als Sensation bezeichnen. Jetzt ist Emil Ferris’ Überraschungserfolg AM LIEBSTEN MAG ICH MONSTER auf deutsch erschienen – und zeigt, dass die über den Atlantik herübergewehten Lobeshymnen voll und ganz gerechtfertigt sind.

Die zehnjährige Karen Reyes hat es nicht einfach im Leben. Rassismus, Armut, Mobbing und Gewalt gehören Ende der sechziger Jahre im ärmlichen Uptown Chicago zu ihren alltäglichen Erfahrungen. Die Beziehung zur alleinerziehenden Mutter ist liebevoll, aber schwierig. Lediglich ihr deutlich älterer Bruder Deeze, ein unsteter Lebenskünstler, aber auch ein begabter Zeichner, gibt Karen Halt. Er ist es auch, der ihr durch sein eigenes Schaffen und ausgedehnte gemeinsame Museumsbesuche Zugang zur Kunst verschafft, die ihr – neben ihren geliebten Horrorcomics und -filmen – zur einzigen Zuflucht wird: In einem gezeichneten Tagebuch hält sie ungefiltert, aber sehr reflektiert und akribisch genau ihre Erlebnisse fest. Diese gewinnen dramatisch an Dynamik, als eine Nachbarin aus dem Haus unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt und Karen sich vornimmt, dieses Rätsel aufzuklären.

Besorgte Bürger mit eingeschränktem Verständnis für Monster und andere Minderheiten. Aus dem besprochenen Band

Der entscheidende Kunstgriff von Emil Ferris besteht nun darin, dass sie uns genau dieses gezeichnete Tagebuch als Comic präsentiert, in einer trügerischen Authentizität nachempfunden bis hin zur Lochung und Linierung des College-Blocks, den Karen als Notizbuch verwendet. Diese Form schafft nicht nur den gestalterischen Rahmen für die in ihrer Vielfalt und Kunstfertigkeit überwältigenden Zeichnungen, die zwischen fein ausgearbeiteten Buntstiftportraits und spontan mit dem Kugelschreiber aufs Papier geworfenen Krakeleien hin und her springen; sie lässt vor allem den Leser auf sehr intime Weise an Karens Gedankenwelt teilhaben. Und plötzlich fühlt man sich diesem seltsamen Mädchen ganz nah, das sich selbst konsequent als Werwolf darstellt – nicht nur, um ihren eigenen Außenseiterstatus abzubilden, sondern auch, weil das Dasein als Monster ihr so viel tröstlicher erscheint als das menschliche Leben. Wer untot ist, braucht Tod und Krankheit nicht zu fürchten; wer keine Gefühle hat, spürt keinen Schmerz.

Verwandlung als Befreiung. Aus dem besprochenen Band

Zur Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit des Tagebuchs tragen ganz wesentlich auch die sorgfältig gestalteten handschriftlichen Eintragungen bei. Grafisch gleichwertiger Bestandteil der Zeichnungen, erzählen sie dem genauen Beobachter viel über Karens Gemütszustand. Entspannt und luftig hingetupfte Wörter weichen dicht gepackten, fast schon übereinander stolpernden Zeichenketten, wenn eine wichtige Information aus ihr herausplatzt und schnell festgehalten werden muss; starke Gefühle schaffen sich mit expressiven, raumgreifenden Buchstaben den Platz, den sie benötigen. Das dieses Stilmittel kein Zufall ist, sondern von Emil Ferris ganz bewusst eingesetzt wird, lässt sich an einem Satz ablesen, den sie Karen in den Mund legt: „Every Morning for the past year Deeze has been teaching me block lettering, which Deeze says is a very usefull skill for an artist.“
Leider kommt dieser Aspekt in der ansonsten sehr schön gestalteten deutschen Ausgabe abhanden: Hier ersetzt ein etwas lebloses Computerlettering die Handschrift, wodurch der handgemachte Charakter der Seiten zu einem guten Teil verloren geht.

Charakter vs. Computer – Gegenüberstellung des Lettering im Original (links) und in der deutschen Ausgabe. Anklicken für eine größere Darstellung.

Der Sog, den die Geschichte entfaltet, zwingt einen geradezu, das Buch trotz seines Umfangs in einem Rutsch durchzulesen. Am Ende der über 400 Seiten, nach einem Parforceritt durch eine verwegene Mischung aus Mystery-Krimi, Gesellschaftsportrait, historischer Lehrstunde und Liebeserklärung an die hohe wie auch die triviale Kunst, sind einige Fragen beantwortet, während andere Geheimnisse noch im Dunkeln liegen. Gut nur, dass schon für den Herbst der zweite und abschließende Teil der Geschichte angekündigt ist – zunächst im amerikanischen Original, dann aber hoffentlich bald auch auf deutsch.

Am liebsten mag ich Monster
Emil Ferris / Panini Comics
Aus dem Amerikanischen von Torsten Hempelt
Broschur, 420 Seiten, 39 €

Originalausgabe bei Fantagraphics

Die Entstehungsgeschichte des Comics und das Schicksal seiner Zeichnerin sind fast genauso interessant wie das Buch selbst. Einen Bericht darüber, den Emil Ferris im Chicago Magazine in Comicform veröffentlicht hat, kann man hier abrufen.

Abbildungen: © Panini Comics / Fantagraphics