Gedanken über Comics,
grafische Literatur
und den ganzen Rest

Auf den Bänken, zwischen den Stühlen

Comicfestival München 2017
Ob das Münchner Comicfestival die größte der vielen kleinen Veranstaltungen ist, die es inzwischen für Comicfreunde in Deutschland gibt, oder doch eher - Stichwort Erlangen - die kleinere der beiden großen, können wahrscheinlich nicht einmal die Veranstalter so genau sagen. Je nachdem, welche Kriterien man anlegt, kann das Urteil ganz unterschiedlich ausfallen: Einem beachtlichen Programm und prominenten Gästen auf der Habenseite stehen erstaunlich geringe Besucherzahlen und unübersehbare organisatorische Schwächen gegenüber.

Dem Vergleich mit dem Comicsalon setzt sich das Festival schon allein dadurch aus, dass es im jährlichen Wechsel mit diesem den traditionellen Termin am Fronleichnamswochenende besetzt. (Eigentlich jedenfalls – dieses Jahr wurde auf Himmelfahrt ausgewichen). In den Anfangsjahren waren die Fußstapfen, in die man sich damit begeben hat, eindeutig zu groß. Nicht zuletzt durch den Umzug in die Alte Kongresshalle an der Theresienwiese, wo das Festival seit 2015 stattfindet, hat es aber an Profil gewonnen. Der neue Standort ist prägnant genug, um der Veranstaltung ein Gesicht zu geben, weit genug von der Innenstadt entfernt, um nicht im Alltagstrubel der Millionenstadt unterzugehen, und bietet mit seiner Nähe zum Bavariapark eine wunderbare Möglichkeit, zwischendurch im Grünen zu entspannen. So spielte sich ein Großteil des Festivallebens auch nicht in der Halle ab, sondern auf den Bänken des direkt angrenzenden Biergartens, wo sich Festivalbesucher, Künstler und Verlagsmenschen trafen und bei Maßkrug und Schweinshax’n ihre gemeinsame Leidenschaft diskutierten. Dieser Spaß an der gemeinsamen Sache, der in München an allen Ecken und Enden des Festivals erlebbar wird, gehört ganz sicher zu dessen Stärken – gerade auch im Vergleich zu den zur Zeit überall aus dem Boden schießenden Comic Cons, bei denen ganz nach amerikanischem Vorbild strikt unterschieden wird zwischen den sich selbst und ihre Ware vermarktenden Produzenten und den zahlenden Konsumenten. Dass auch die Künstler diese entspannte Atmosphäre zu schätzen wissen, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass viele gerne und auch zum wiederholten Mal in München aufgetreten sind. Etliche Workshops, Gesprächsrunden und Ausstellungen ergänzten das Programm, so dass der Comicfan eigentlich alles geboten kam, was das Herz begehrt.

Die langen Schlangen, die sich an den Signiertischen von Publikumslieblingen wie Terry Moore, Enrico Marini oder Olivier Schwartz bildeten, können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der  Publikumsandrang insgesamt doch eher in Grenzen hielt. Erklärungen dafür gibt es viele. Dass das Wetter in München immer zu nass, zu kalt oder – wie diesmal – zu heiß ist, ist man ja schon gewohnt. Entscheidender dürfte aber sein, dass der Panini-Verlag seinen Auftritt diesmal ganz ins Zeichen des Jubiläums „50 Jahre deutsches MAD“ stellte und weniger Superheldenzeichner im Gepäck hatte als gewohnt. Für viele Fans der DC- und Marvel-Helden entfiel damit ein gewichtiges Argument für die Fahrt nach München. Ein anderer Publikumsmagnet war mit Splitter gar nicht erst angereist. Und so konnten sich sogar die Hardcore-Sammler mit ihren bis zum Rand mit amerikanischen Sonderausgaben gefüllten, großformatigen Trolleys diesmal stressfrei durch die Gänge bewegen, ohne wie gewohnt Verlagsstände oder fremde Kniescheiben zu demolieren.

Während der einzelne Besucher es vielleicht genießt, wenn er ohne Gedrängel von Stand zu Stand kommt, ist der dürftige Zuspruch für das Festival als Ganzes ein deutliches Warnzeichen. Es ist zu befürchten, dass man sich bei einem Jahr für Jahr gewachsenen Anspruch an das Programm, aber unverändert hemdsärmliger Organisation langfristig zwischen alle Stühle setzt.

Vielleicht könnte es ja schon helfen, einige ganz eklatante organisatorische Mängel abzustellen. Die durchaus sehenswerten Ausstellungen etwa waren den Veranstaltern offensichtlich nicht besonders wichtig. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie in abgelegenen Gebäudetrakten versteckt wurden und nicht einmal der Weg dorthin ausgeschildert war, so dass vermutlich mehr Verirrte auf der Suche nach den Toiletten in die Ausstellungen gestolpert sind als absichtsvolle Besucher. Ohnehin ist der Begriff der Ausstellung hier mit Vorsicht zu behandeln – mehr oder weniger unkuratiert und unkommentiert an die Wand gehängte Zeichnungen sind eben noch keine solche. Und schließlich wäre es auch kein Fehler, wenn die Veranstalter ihren Besuchern, vor allem aber auch ihren Ehrengästen mit dem angemessenen Respekt begegnen würden. Der zeigt sich beispielsweise darin, dass man sich schon vorher überlegt, was man bei der Anmoderation einer Gesprächsrunde oder der Vorstellung eines Künstlers eigentlich sagen möchte, und im Zweifelsfall sogar die Bierflasche dafür kurz aus der Hand stellt.

Bei aller Nörgelei bleibt aber festzuhalten: Alle, die nach München gekommen sind, hatten ihren Spaß auf dem Festival – ob nun beim Einsammeln von Signaturen und Zeichnungen, beim Studium der quadratmeterweise ausliegenden Neuerscheinungen oder bei den „Schlangengesprächen“ – den unvermeidlichen Fachsimpeleien von Nerd zu Nerd, mit denen man sich die Zeit beim Anstehen an den Signiertischen vertreibt. Und weil der Comicfreund ja sowieso nicht weiß, was er in den Erlangen-freien Jahren an Fronleichnam machen soll, heißt es auch jetzt schon: Kalender zücken und den 20. – 23. Juni 2019 für einen Ausflug zum nächsten Comicfestival München freihalten!