Gedanken über Comics,
grafische Literatur
und den ganzen Rest

Artenvielfalt im Comic-Biotop

Comicfestival München 2019
Am kommenden Donnerstag beginnt mit dem Comicfestival München der Höhepunkt des Jahres für die deutschsprachige Comicszene. Veranstalter Heiner Lünstedt erzählt im ALLESFRESSER-Interview, wie sich das Festival im Laufe der Jahre entwickelt hat, was es diesmal zu sehen und zu erleben gibt - und warum er dringend auf gutes Wetter hofft.

ALLESFRESSER: Heiner, dem Comicfestival merkt man ja recht deutlich an, dass es Euch nicht darum geht, mit der Veranstaltung reich zu werden – Ihr macht das, weil Ihr selbst leidenschaftliche Comicfans seid. Wo das Ganze nun immer größere Dimensionen annimmt und der Organisationsaufwand steigt – könnt Ihr das Festival denn überhaupt noch genießen, oder kommt das erst hinterher, wenn alles gut überstanden ist?

HEINER LÜNSTEDT: Na ja, heute ist zum Beispiel [der argentinische Starzeichner] Eduardo Risso in München gelandet. Und grade eben hat mir [der frühere Mitveranstalter des Festivals und Kurator der aktuellen Batman-Ausstellung] Michael Kompa ein Foto geschickt, auf dem Eduardo vor einer Litfaßsäule steht, die das Plakat zu unserer Batman-Ausstellung zeigt. Dieses Foto war der Hammer! Ich weiß gar nicht genau, was das ist, aber es ist was Besonderes, was man sonst eben nicht bekommt.
Und ganz allgemein: wenn man eine Feier organisiert, sollte man das schon so machen, dass man selber auch mitfeiern kann. Vielleicht nicht von Anfang an, aber irgendwann dann doch, wenn alles aufgebaut und die Party am Laufen ist. Und bisher hat das zum Glück immer ganz gut geklappt!

A:        Wie immer setzt Ihr auch dieses Mal wieder inhaltliche Akzente, zum Beispiel zum Jubiläum „80 Jahre Batman“, zu Comics aus Taiwan oder zu Matthias Schultheiss, der mit einer großen Werkschau präsentiert wird. Wie findet Ihr denn die Themen für diese Schwerpunkte?

HL:        Das ist tatsächlich ganz unterschiedlich. Zum einen gehen wir auf viele Festivals und treffen dort viele Leute. Zum anderen haben wir unsere Locations, die wir bespielen möchten.
Für das Valentin-Karlstadt-Musäum hat sich diesmal etwa das Thema „40 Jahre Titanic“ angeboten. Da zeigen wir tolle Sachen.
Dann hatten wir vor zwei Jahren eine Ausstellung mit Zeichnungen des Karikaturisten Horst Haitzinger, zu der sein Kollege Dieter Hanitzsch eine Laudatio gehalten hat. Diesmal hat sich die Gelegenheit ergeben, es genau anders herum zu machen. So eine Chance lässt man sich natürlich nicht entgehen.
Mit dem Jüdischen Museum wollten wir schon vor zwei Jahren etwas zu Barbara Yelins Buch über die Schauspielerin Channa Maron machen. Das ist dann damals wegen Barbaras Schwangerschaft nicht zustande gekommen. Deshalb holen wir es gerne dieses Jahr nach – das Thema ist ja nach wie vor interessant.
Egmont ist im Zusammenhang mit dem neuen, von Mawil gezeichneten Lucky Luke-Band auf uns zugekommen. Da zeichnet ein Deutscher einen belgischen Comic – das passt ganz gut ins Programm des Institut Français.
Dann kommen immer wieder auch Impulse aus dem Verein, als der wir organisiert sind. Barbara Yelin ist da auch Mitglied, und sie hat uns ans Herz gelegt, etwas mit Katja Klengel zu machen, die mit GIRLSPLAINING einen sehr guten Comic hingelegt und auch vorher schon interessante Sachen gemacht hat.
Was Matthias Schultheiss angeht, der ja dieses Jahr auch den PENG!-Preis erhält: Hier hat uns der Sammler Manfred Kopold angesprochen, der es uns ermöglicht hat, eine tolle Ausstellung auf die Beine zu stellen, zu der im Salleck-Verlag auch ein schöner Katalog mit Texten von Manfred erscheint.

A:        Da ist ja wieder unglaublich viel geboten. Wahrscheinlich wird man gar nicht alles wahrnehmen können, selbst wenn man die vollen vier Tage beim Festival dabei ist.

HL:      Nein, das wird wahrscheinlich tatsächlich nicht gehen – auch weil manche Veranstaltungen parallel stattfinden. Aber die Interessen der Besucher sind ja auch unterschiedlich gelagert. Der eine schaut sich gerne Ausstellungen an, der andere geht zu Künstlergesprächen, und manche stehen auch die ganzen vier Tage in den Schlangen an den Signiertischen. Was ja aber auch absolut legitim ist. Ich geb’s ja zu, hin und wieder reiche ich auch mein Sketchbook über den Tisch und lasse mir eine schöne Zeichnung machen. Und hier zeigt sich auch ein deutlicher Unterschied zwischen dem Comicfestival und den kommerziell orientierten Comic Cons, die grade überall aus dem Boden schießen: Dort zahlt man erkleckliche Beträge für ein Selfie mit dem Nebendarsteller aus einer schlechten Serie, die in zehn Jahren kein Mensch mehr kennt; bei uns kauft man an einem Stand einen Comic für zehn Euro und bekommt eine prächtige Zeichnung dazu – und damit auch eine schöne Erinnerung.

A:        Ihr organisiert das Comicfestival jetzt ja auch schon einige Jahre – was hat sich denn aus Deiner Sicht seither am meisten verändert?

HL:      In der ersten Zeit war ich ja auch nur als Besucher dabei. Das erste Festival – die Münchner Comictage – hat Wolfgang J. Fuchs 1985 – in Jahr nach dem ersten Comic Salon in Erlangen – organisiert. Dann haben Agenturen übernommen. In der Zeit war es etwas seelenlos; es gab Ausstellungen ganz ohne Originale und Ähnliches. Als es auf die Praterinsel weitergezogen ist, hat das Festival dann wieder einen eigenen Charakter gewonnen. Allerdings fehlten dort räumlich die Möglichkeiten, eine Verlagsmesse unterzubringen.
Seit wir in der alten Kongresshalle sind, haben wir endlich die Möglichkeit, die ganze Vielfältigkeit der Comicszene abzubilden und gerade auch die gewachsene Verlagslandschaft. Wir haben immer mehr Verlage dabei; nicht nur die großen, sondern auch mittlere und kleine. Diesmal ist zum Beispiel der Dantes Verlag zum ersten Mal dabei, der überhaupt erst seit ein, zwei Jahren aktiv ist, aber großartige Sachen macht. Diese große Bandbreite zeigen zu können, ist schon sehr schön.
Ob sich das dann auch in entsprechenden Zuschauerzahlen niederschlägt, muss man dann sehen. Da spielen immer auch andere Dinge eine Rolle: gleichzeitig stattfindende Veranstaltungen, das Wetter…

A:        Gutes Stichwort: Meiner Erinnerung nach war das Wetter bei den bisherigen Festivals immer extrem – entweder zu kalt oder zu nass oder zu heiß. Wie wird’s denn dieses Jahr?

HL:      Ich habe noch gar nicht in den Wetterbericht geschaut. Wenn es so bleibt wie die letzten Tage, kann es schon sein, dass das eine oder andere Gewitter runterkommt. Wir hoffen aber natürlich, dass es die meiste Zeit trocken bleibt. Vor allem, damit sich im Biergarten direkt neben der Kongresshalle wieder dieses schöne Biotop herausbildet, in dem sich Künstler, Fans und Organisatoren in familiärer Atmosphäre austauschen – das wissen ja viele Besucher besonders zu schätzen.

A:        Das kann tatsächlich jeder bestätigen, der schon mal dabei war. Vielen Dank für Deine Zeit, Heiner – wir wünschen Dir und den anderen Mitwirkenden einen guten Endspurt in der Vorbereitung und ein erfolgreiches Festival!

Das Gespräch führte Markus Binder.

Das Comicfestival München findet vom 20. bis zum 23.Juni 2019 statt. Hauptveranstaltungsort ist die Alte Kongresshalle an der Theresienwiese. Darüber hinaus gibt es über die ganze Stadt verteilt zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen.

Informationen zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und zum Programm findet man unter http://comicfestival-muenchen.de

Abbildungen:
1, 3: © Comicfestival München / Barbara Yelin
2: © Comicfestival München / Michael Kompa