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#alterweißerBeißer

Dracula, motherf**cker!

Das Unheimlichste an Halloween war auch dieses Jahr wieder, dass eigentlich vernünftig erscheinende Menschen wie auf ein geheimes Signal hin die Supermärkte stürmten, um willenlos beträchtliche Beträge für Plastikskelette und Kürbisdeko auf den Tisch zu legen. Wer den telepathischen Befehlen aus den Marketingabteilungen widerstanden hat, sich der jahreszeittypischen Gruselfolklore aber doch nicht ganz entziehen möchte, investiert sein Geld lieber in einen guten Horrorcomic. In DRACULA, MOTHERF**CKER! von Alex de Campi und Erica Henderson zum Beispiel – einen wild-wüsten, sehr zeitgemäßen und höchst unterhaltsamen Abgesang auf den toxischen Transsilvanier.

Vampire im Allgemeinen und ihr literarischer Urvater Dracula im Besonderen kommen ja nie so richtig aus der Mode. Spätestens alle paar Monate erscheinen sie in immer neuen Inkarnationen auf der Leinwand, zwischen Buchdeckeln oder im Streamingportal; immer angepasst an den gerade herrschenden Zeitgeist.

Bei aller Variation gibt es aber ein Motiv, auf das die wenigsten Kreativen in ihrer Interpretation des Dracula-Mythos verzichten möchten: den erotischen Unterton, der offensichtlich einen beträchtlichen Teil der Faszination dieser Geschichte ausmacht. Spätestens seit Christopher Lees Darstellung des Vampirfürsten als beunruhigend attraktivem und zugleich absolut rücksichtslosem Verführer ist das Beißen und gebissen werden kaum mehr anders zu lesen denn als sexueller Akt. Wer Lees gierigen Blick auf die zarten weißen Hälse seiner Opfer einmal gesehen hat, der weiß aber auch, dass dieser keine Zurückweisung duldet: Wer sich seinem Willen nicht unterwirft, wird unterworfen.

Dass diese vorsichtig ausgedrückt asymmetrischen Machtverhältnisse nicht schon früher kritisch thematisiert wurden, darf einen angesichts der aktuellen Diskussionen über toxische Maskulinität schon wundern: Mehr old white man als der leichenblasse und im Eichensarg gut abgelagerte Dracula geht ja schließlich kaum.

Alex de Campi und Erica Henderson schließen nun diese Lücke, und das in furioser Weise. In den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellen sie die Brides of Dracula; junge Frauen, die sich dem Blutsauger unterordnen – aus Unsicherheit, aus falsch verstandener Liebe, aber oft genug auch willentlich und ganz bewusst aus eigenem Machtstreben heraus. Wer meint, hier Bezüge zur Realität herauszulesen, liegt sicher nicht falsch: im Nachwort berichtet Alex de Campi, dass ihr Versuch, sich in die Gedankenwelt von Frauen wie Melania Trump oder Georgina Chapman Weinstein zu versetzen, einen Anstoß zu diesem Buch bildete.

Die Handlung, die de Campi im Hollywood der 1970er Jahre rund um den schmierigen Fotografen Quincy Harker herum entwickelt, schafft es merkwürdigerweise, recht dünn und gleichzeitig verwirrend zu sein. Der Wirkung des Comics tut das aber keinen Abbruch. Er lebt ohnehin hauptsächlich von seiner rauschhaften grafischen Gestaltung. In giftig-intensiven Farben – die übrigens auf dem kräftigen, matten Papier des Buchs wesentlich besser zur Geltung kommen als auf dem Bildschirm – inszeniert Erica Henderson ein unheimliches nächtliches Panorama, das den Leser von der ersten Seite an in den Bann schlägt.

Der Gefahr, Dracula für den Leser zu verführerisch darzustellen, entgeht Henderson, indem sie ihm eine menschliche Erscheinungsform konsequent verweigert. Der Dracula dieses Buchs ist eben kein wie auch immer außerhalb der Norm agierender Mensch; er ist eine geheimnisvolle, alte und bösartige Macht, die die Personen in ihrer Umgebung manipuliert und korrumpiert. Was man von ihm zu sehen bekommt, hat deshalb nichts mit den hochgewachsenen Schönlingen anderer Vampircomics zu tun; es sind vielmehr Bildfetzen, die der überforderte Verstand der mit dem Ungeheuer konfrontierten Menschen generiert: ein Blick, ein Zahn, ein körperloses Meer bösartig roter Augen.

Angesichts der klaren Haltung, aus der heraus das Buch sich entwickelt, ist es sicher kein großer Spoiler, wenn man verrät, wie alles endet: in einem über mehrere Seiten ausgebreiteten, grafisch entfesselten Finale dürfen einige seiner ehemaligen Bräute Dracula in aller Deutlichkeit zeigen, wo der Holzpflock hängt. Und so schnell der Comic angesichts seines schmalen Umfangs auch gelesen ist – nicht zuletzt durch dieses wuchtige Empowerment bleibt er dem Leser lange im Gedächtnis. Nimm das, alter Beißer!

Dracula, motherf**cker
Alexa de Campi, Erica Henderson / Image Comics
Hardcover, 72 Seiten, $16,99

Alle Abbildungen © Erica Henderson / Image Comics